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Doh eines Pflänzhens dürfen wir nicht vergeſſen: des
Moo ſes, das überall den ſchwarzen Boden mit ſeinem friſchen
Grün verhüllt und mit weißen , zierlihen Krön in die es rote, gelbe und grüne Sterne ſjtest von den ver-
ſchiedenſten und wunderlichſten Formen.. Allenthalben bietet
es ſeine Dienſte anz; kein Zaun iſt ihm zu ſchlec Mauer zu gering und alt, um darauf zu wirken und zu
weben. Den Armen und Müden bereitet es ein weiches,
ſanftes Lager und ſtopft die Rien und Löcher ihrer zerfallen-
ven Hütten zu , damit Wind und Froſt nicht allzu grimmig
hereinbrechen 3; den Kranken weiß es heilende Tränke zu berei-
ten und manchem Todten hat cs ſchon das leßte Kißen ge-
füllt, das ihm mitgegeben wurde in den Sarg, Zu den ſteil-
jten Felſen und Bergen, welche mit ihren Spißen den Aether
berühren, ſtrebt es mutig und friſch hinan und legt ſeine grü-
nen Kränze darauf nieder. Die freundlihen Wolken lächeln
es an und laßen ihre ſchönſten Perlen in ſeine grünen Blüten
fallen, daß die Häupter der Berge und Felſen wunderjam ge-
ſhmüdt ſtehen und im Sonnenſchein ſtralen wie reichbekränzte
Altäre, Selbſt oben zwiſchen den Türmen der alten Dorfkir weilt das Moos , ſtill und ernſt, eine ſinnige Einſiedlerin ;
hört den Klang der Glo>en unter ſich und das einförmige
Schlagen der Uhr und ſieht über die ſtillen Gräber des Kirch-
hofs die Morgen- und Abendnebel dahinwallen. Aber nirgends
grünt es ſo friſm, wölbt es ſo weiche, ſ hier im Walde. Allen Bewohnern ſeines Reichs dient es als
das gute, freundliche „Aſchenbrödel“ ; jedem Thiere bereitet es
ein weiches Bett, den Blumen wärmet es die zarten Füßchen und
die Bäume ſchüßt es vor dem Froſt und dem Winde. Hor!
Hörſt du aus jenem Thale (Es hebt den Kopf ſo müde,
den ſc hörſt du von allen Höhen dann ſinkt es langſam nieder,
den langen Wiederhall? Jiegt regungslos und ſtumm;
Nings wird es todtenſtille,
es regt ſich ni Dort ferne wirbelt langſam
des Pulvers ferner Nauch.
(Es breitet ſich die Wieſe
von tauſend Blumen bunt:
das Neh ſ das iſt zu Tode wund. das wird ihm gar zu ſchwer. *)
Wie wol fühlte es, ſich im ſonnigen Walde! Und es find
ſo ſ<öne Thiere, die Rehe! Alles an ihnen hat vollkommenes
Ebenmaß. Der Wuchs iſt zierlih. Sclante Beine tragen
den wolgebauten Körper, deſſen ganze Haltung etwas Ange-
nehmes , Lebhaftes hat. Dex kleine Kopf mit den jhönen,
ſanften Augen und zugeſpißten Ohren endet in einer ſtumpfen
Schnauze und iſt bei dem Männchen mit einem kurzen Ge-
weih geſhmü&t. Sie gehören mit dem Hirſ loſen und friedfertigen Geſchöpfen, welche zur Verſc<önerung
und Belebung der in tiefer Verborgenheit blühenden Gärten
der Natur beſtimmt ſind. J< wüßte nicht, welches von beiden
Thieren ich für das ſchönere erklären ſollte, denn auch der Hirjch
iſt ein gar ſ Anſtand und ſein feuriger BliF verdienen wol, daß man ihn
den EdelhirſH genannt hat. Es iſt wirklich. I und ſchlägt noh einmal traurig
die großen Augen auf,
da ſenft's den Kopf zum Sterben
und ſtre>t den zitternden Lauf,
In ſeinem grünen Reiche
ſpringt es nun nünmermehr,
auf ewig muß es ſc
*) Edmund Höfer,
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dieſe Thiere ſo ſehr verfolgt, weßhalb fie faſt j9 geworden
find, als das hungrige Volk der Wölfe, das früher ſein
ſhre&liches Geheule auch in unſeren Wäldern allnähtli< an-
ſtimmte,
Ueber unſexem Hin- und Herſtreifen iſt es allmählich Abend
geworden. Schon ſendet die Sonne ihren leßten Abſchieds-
kuß; die Lüfte halten ihren Atem an, kein Blättchen rauſcht,
nur die Vögel ſind noc< wac<. Die Droßel lot mit hellem
Tonz die Meiſe ſchlüpft, ihr wißigſpizes Liedchen ſchrillend,
von Buſh zu Buſch ; der Waldſchreiner Specht ha>t und
hämmert am Eichenſtumpf 3 dazwiſchen kreiſcht mit einem wun-
derlich äffenden Schnörkel der Häher, und iſt dann auf
einmal Alles ſtill und erſchre&t über des Poſſenreißers Gloſſen,
ſo ſtöhnt aus dem Schoß der grünen Einjamkeit der melan-
holiſche Ruf des Wiedehopfs. Aber auch ſie duFen ſich
nach und nach in ihre Neſtchen ; ſelbſt die Fröſ< e haben ihr
Concert geendet, und nur das kleine, geſhwäßige Waldbächlein
kann ſeine Zunge nicht ruhen laßen und ruft geheimnißvoll
und ſich wichtig machend durch die Stille: hör zu ! = hör zu !
Denn no und lieblichſte, welche man ſiH nur denken kann. Kräftige
Töne yoll und durchdringend, erſchallen, bald ſ fanft und flagend, den Flötentönen ähnli herrlih? Es iſt die Nachtigall dort, der kleine hräunliche
Vogel mit dem unſchuldigen Auge , der ſo ſorglos auf dem
Zweige fißt. Wunderbar ſ durch die ſtille Luft:
Tag verſ kommt herbei ſo ſa dunkel wird es in den Bäumen;
und mit ihren hellen Träumen
durch den Wald die Liebe flieget,
mit den goldnen Flügeln wieget
fie ihn ſanft zum Schlummer ein,
will ſein treuer Hüter ſein, *)
Das Lied verſtummt. Schwarze Schatten lagern ſich in
den Kronen der Bäume. Die "Nachtgeſtalten werden munter,
Erwachend ſpät die Eule nieder
und dehnt ihr mächtiges Gefieder.
Aus fernen, kluſtzerrißnen Haiden
tönt no< des Fuchſ es ſpät Gebell,
das Waldhuhn hört's und ſc auf- höhern Wipfelſitz fich ſchnell, **) .
Und nun tiefe Stille! Regungslos ſteht der Wald , als
bete er ſein Ave Maria. Die Luſt, wie geſfättigt von dem
goldenen Sonnenſchein des warmen Tages, de&>t "ihren dunkel--
blauen Mantel um ihn hin. Eine heilige Ruhe und ein ſehn-
füchtiges Verlangen ſchwimmt im Aether und flüſtert mit tau-
ſend Stimmen, die allein der Menſch nicht hört, zu den Geiſtern
der Natur. a .-
OD du ſchönes Waldleben zur Zeit des reichen Frühlings
und heißen Sommers! Schade, daß du ſo ſchnell ein Ende
nehmen mußt! | oo:

.
*) Katharina Dieß. | .
+=) Otto- Roquette (in „Waldmeiſter's Brautfahrt.“)

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