551
'Ach ſieh, ſhon fällt ein gelbes Blatt,
das fragt im Falle todesmatt :
„wie lange glänzt auf Thal und Halde
der Frühlingshimmel rein und blau?
Wie lang', ihr Blumen in dem Walde,
umſpielt euch noch der Flimmerthau? |
Wie lange ſpringt aus Felſenſpalten
der luſt'ge Quell no<4 fühn und ho Wie lange troßt des Sturms Gewalten
der NRieſenet Kurz iſt die Luſt! die grüne Halle,
und Alles fällt, wie ich nun falle!“ *)
Bald unterbrechen recht finſtere Tage die fröhliche Wald-
luſt, eine ſchwere, trübe , dunſtige Luft hängt über den Bäu-
men; traurig ſenken ſich die grünen Blättchen , und klagende
Töne irren hin und her. Der Herbſt klopft mit ſtürmijcher
Hand an die Pforte des Waldes, und ſeine rauhen Winde ver-
jagen die ſanften Sommerlüfte , ſtreifen das friſche Grün von
den Blättern und löſen eins nac< dem andern von den j ken Zweigen, die klagend und rauſhend, mit dem ſterbenden
Rot geſhmüdt, dahinflattern und verwehen im weiten, leeren
Raume. *) Die Sänger des Waldes ſchi>en ſich an zu ihren
Reiſen nach fernen Ländern. Kommt mit uns , rufen fie den
Blumen zu, was wollt ihr no< länger weilen in dem öden
Wald ? Und da verläßt ein Blumenelfzen na< dem andern jein
buntes Häuschen, das der Herbſtwind rüttelt, bis es zuſam-
menfällt und mit bleihen Blättern die Stelle bede&t, wo es
geblüht hat.
Das ſüße
Nachtigallentönen entſ no< einmal mit ſeinen milden Blicken die dunkle Stelle, welche
ſie erhellt haben, und zieht dann hinaus mit der frommen
Droßel in die weite Ferne. Die leichten, bunten Geisblatt-
ranken flattern mit den luſtigen Finken davon, und das helle,
freundliche Rotkehlhen nimmt die bleihe, ſchwermütige Ane-
mone mit fim nac< wärmeren Zonen und milderen Lüften.
Die GloFenblume aber ſc zum leßtenmal ihre frommen Glö& klingen und rufen: Lebe wol! lebe wol! du ſchöner Wald !
wie bald, wie bald entflieht die Freud und kommt des Herbſtes
trübe Zeit ! Der Herbſt, der Herbſt iſt rauh und kalt! lebe
wol, lebe wol, du ſchöner Wald! wie bald! --- wie bald! = --
Vergiß mein nicht! Vergiß mein nicht! haucht es aus dem füßen
blauen Blümchen, das. am Bache blühte, und der holde Blu-
menengel, der es bewohnte , fliegt mit dem lehten Lerchenliede
auf den lichten Wolken des klaren Herbſthimmels hinaus.

-.K) Otto Roquette (in „Waldmeiſters Brautfahrt“).
*X) Vgl. hiermit das nachſtehende ſ<öne Gedicht von Ed. Höfer:
| Wilde Jagd.
Es geht ein ſcharfes Jagen In ſtiller Gärten Grunde
dur< Wald und durc< Gefild: flüſtert ſein leßter Hauch,
Es hebt der H erbſt, der Jäger, da ſinkt ver Todeswunde,
den Sommer, das edle Wild. . da bricht ſein Blumenaug".
Von Strauch und Aue flattert Und brauſende Stöße dröhnen.
glißernd der weiße Schaum, dur< Wald und durc< Gefſild:
in ſeinem Herzblut färbet Es fällt der Herbſt, der: Jäger,
mit Not fihß Buſch und Baum. --
DornröShen iſt ſchon lange mit den leßten
den: Sommer, das edle- Wild.
An die Stelle all' dieſer lieben Blumen treten die wunder-
lichen Geſellen, die Pilze. Sie haben ſich gar luſtig ſchillernde
Mäntelchen umgehangen, rote und gelbe und buntgefle>te, find
aber troßdem der großen Mehrzahl nach nichtsnußige Geſellen,
.welhe mit ihren faulen Dünſten die reine Atmoſphäre des
Waldes vergiften und nur dem Schlechten und Unreinen zum
Schug und zur Nahrung dienen , weßhalb ſie mit-Recht von
den Bauern, die in ihrer ſchlichten Einfalt oft das Kind beim
rechten Namen nennen: „Krötenſtühle“ geheißen werden.
Stürmiſcher wird der Wind; ſcen kalte S flo>en zuweilen den Boden; der Winter zieht mit ſtarker Macht
beran, den lezten Kampf mit ſeinem Feinde, dem Sommer,
auszufehten. In wildem Streite ſchlagen die Aeſte knarrend
zuſammen! aus den finſteren Felſenſchluchten ſtürzen die Wald-
bäc ächzt -- -- der Sommer unterliegt. Im Walde zieht ſieg-
reich der Winter ein und krönt mit einem Diadem von glän-
zenden Eiszapfen die Tanne *) zum Herrn und Gebieter
des Waldes. Wie der Fürſt Teutoboh über alle ſeine Ge-
fährten hervorragte, und der König Saul eines Kopfes Länge
größer war, als all? das übrige Volk, ſo ſchaut auch ihr Wip-
fel hoch über die Bäume hinaus. Der Sturm ſingt eine
wilde Siegeshymne, Raben kreiſchen hinein, und aus den Teichen
und Sümpfen rufen tauſend laute Stimmen dem neuen König
ein Lebehoh zu.
O ſtilles Leben im Walde,
o grüne Einſamkeit!
o blumenrei wie weit ſeid ihr, wie weit!
[03]
hazed
Ein Geſchichtswert,
das, weit entfernt, uns nur eine äußere Kriegs- und Regenten-
geſchichte zu bieten, vielmehr den inneren Kern und Volksgeiſt
der Heſſen nach ſeinen verſchiedenen Richtungen zu erj und zur Anſchauung zu bringen verheißt, iſt uns in nahe
Ausficht geſtellt, Es wird nämli< vom 1. Juli ab im Ver-
lag von K. Seriba in Friedberg in 6 Heften von je 6--8
Bogen , die ſich raſch folgen ſollen, in ſchöner Ausſtattung
erſcheinen:
Geſchichte von Heſſen , insbeſondere Geſhichte des Großher-
zogthums Heſſen und bei Rhein in Chronik und Ge-
ſIchichtsbildern , in Liedern, in geographiſchen Stftizzen,
in Mundarten, Volksliedern, Sagen und einer Geſchichte
Heſſens in Ueberſichten. Ein hiſtoriſches Lejebuch für
Stadt und Land, Schule und Haus in Heſſen, geſam-
melt und dargeſtellt von Heinrich Künzel.
Mit den Standbildern Philipps des Großmütigen von Heſſen und
Georgs 1. von Heſſen-Darmſtadt na< Scholl in Holzſchnitt.
Das Buch ſoll recht eigentlich dem Volke gehören; es bie-
tet keine Geſchichte- von Heſſen in kritiſcher und zujammen-
hängender Darſtellungsweiſe , wie fie die ſtrenge Wiſſenſchaft


*) Was die Beſchreibung der Nadelhölzer betrifft, fo verweiſen wir
auf die deßfallſige Stelle in unſerer Schilderung der Alpenwelt!

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.