Allgemeine Schul- Zeitung,
NAN? 65.

1854
Donnerſtag, 1. Juni
Die deutſche Nationalerziehung.
Dieſterweg's pädagogiſches Jahrbuch für 1854 hat einen
Auffaß unter dem Titel „die deutſche Nationalerziehung“ ge-
bracht, der uns ganz beſonders angeſprochen hat; denn gerade
dieſer Gegenſtand iſt einer recht“ reiflihen Erwägung werth.
Der Verf. deutet zunächſt darauf hin, daß die Geſchichte eines
Volkes der Spiegel ſeines Charakter8 oder Lebensprincips ſei.
Hiernach will er die deutſ daraus erkannt haben, daß ihr Grundzug und ſomit die Eigen-
thümlihkeit des Germanenthums das Princip der individuellen
Freiheit fei, die hervortrete in dem Triebe nach Selbſtändigkeit,
dem Drange nac< Selbſtthätigkeit und dem Grundſaße der freien
Selbſtbeſtimmung. Dieſer Grundſaß habe ſeine lezte Wurzel
in ihrer Innerlichkeit, dem Gemüte des Deutſchen. Alles, was
mit dieſem Leben im Gemüte zuſammenhängt, iſt deutſch ; das
Gegentbeil davon undeutſch. Hieraus folge als Aufgabe des
Lehrers und Erziehers, alle ſolche gegentheilige Erſ durc< Hinweis auf ihre Shädlichfeit zu beſeitigen. Nah jenem
Maßſtabe iſt grunddeutſc< die Herrſ gang der Vorſtellungen und Wiſſensbeſtrebungen von dieſem
aus, die Werthhaltung der eigenen Perſönlichkeit, die Selbſt-
ſ<äzung; undeutſch dagegen das Leben in Aeußerlichkeiten, die
Herrſchaft des abſtracten Verſtandes, die Abhängigkeit von frem-
den- Autoritäten und das Verzichtleiſten auf eigenes Denken,
Fühlen und Glauben. Deutſch iſt der Exnſt, die Gradheit
und Offenheit, die Wahrhaftigkeit und eine gewiſſe Derbheit,
wie bei Hutten, Luther, Blücher u. A. ; undeutſ< die Leichtfer-
tigfeit, Doppelzüngigkeit, Shwaßhaftigkeit und Lügenhaftigkeit;
deutſ Frechheit und Frivolität; deutſch die Arbeitſamkeit, Ausdauer
und Gründlichkeit z undeutſm die Trägheit, Flüchtigkeit und
Oberflächlichkeitz deutſ< die Würde und Natürlichkeit im Be-
nehmen; undeutſch läppiſc leeres Formenweſen ; deutſch die Innigkeit in religiöſen Dingen;
undeutſ< alles bloße Ceremonienwejen; deutſ<; endlich iſt die
Gewerbefreiheit, die Selbſtregierung einzelex Gemeinden, die
Berücſichtigung provinzieller Verſchiedenheit , die organiſche Glie-
derung, die Deffentlichkeit und Mündlichkeit im Gerichtsverfah-
ren; undeutſ< der Zunftzwang, die Bevormundung, die ab-
ſtracte Gleichmacherei , die Centraliſation, das heimliche und
ſchriftliche Verfahren vor Gericht und Verurtheilung ohne Zus-
ziehung freiex Bürger. Wir ſehen hieraus, was der Natur
der Deutſchen gemäß und was ihr zuwider iſt. Des Leß-
teren gibt es leider genug unter uns; beſonders hat das
viele Franzöſiſ ſchen Art ſehr geſchadet. Zuerſt hat dieſes die deutſche Volks-
thümlichkeit anfreſſende Gift die höchſten Stände ergriffen, von
wo es dann weiter in die nächſten Schichten gedrungen iſt. Am
reinſten wird daher das deutſche Volkfsthum no< in den mittle-
ren und untern Ständen angetroffen, und der Antrieb zu beſſe-
rer Entwikelung wird deßhalb auch von dieſen ausgehen , nur
müſſen die in ihnen vorhandenen deutſchen Elemente geſtärkt
werden, nicht geradezu mit Gewalt, ſondern durc< eine ruhige,
aber ſtetige Entfaltung; denn plößliche Uebergänge entſprechen
wol dem Charakter des Franzoſen , aber nicht dem des Deut-
ſchen, der die Anlage zu langſamer, aber unbegränzter Entwicke-
lung in ſich trägt. Dieß hat beſonders die deutſche Erziehung
zu berüFfichtigen , wenn ſie eine beſſere Zukunft will helfen her-
beiführen , was nur durc< eine echte deutſ Seiten der deutſhen Shulmänner geſchehen kann Wiſſen dieſe,
was deutſ< und was undeutſch iſt, ſo wiſſen ſie auch, was ſie
anzuſtreben und was ſie auszurotten haben. Aber die deutſche
Erziehung darf niht den Charakter allgemeiner Menſ verläaugnen; denn der Deutſche trägt vorzugsweiſe die Anlage
zu univerſeller Bildung in ſich. Sie hat daher die Ausprägung
des Allgemeinmenſchlißen in nationaler Form zu erſtreben und
alles Fremdländiſc ferner die individuelle Entwikelung, die Selbſtthätigkeit und
Selbſtändigkeit zu begünſtigen , aber ni dualität des Kindes zu achten, ſondern auch auf die provinziellen
Eigenthümlichkeiten und Stammperſchiedenheiten , do< [9 , daß
ſie dieſen ſtets die Erziehung nationaler Einheit Überordnet.
Die deutſ Gefühl für das Nationale zu wecken und die trennenden Unter»
ſchiede der deutſchen Stämme , die geſchi giöſen zurüFzudrängen. Sie hat von innen heraus zu arbeiten
und es im tiefſten Grunde auf die Entfaltung und Stärke des
Gemüts , auf die Erwe>ung des lebendigen Intereſſes am Wah-
ren, Schönen und Guten anzulegen. Sie hat weniger auf ein
Vielerlei von Kenntniſſen, mehr auf die Bildung des Charak-
ters zu geben. Die deutſche Erziehung erfolgt in Zucht und
Strenge , Gehorſam und Pietät, Anſtrengung und Fleiß. Sie
iſt eine Erziehung zur Einfachheit, Offenheit , Wahrhaftigkeit,
Mäßigkeit und Tapferkeit, fie hat eine lebenslang fortgehende
Entwickelung des Jünglings anzubahnen.
Das Princip dex individuellen Freiheit hat auc< in der
Schule Geltung, aber viel bedeutender iſt es in der Bildungs-
anſtalt für Lehrer. Zn der Schule iſt der Lehrer Herr und
Meiſter, von dem der Geiſt oder die Geiſtloſigkeit ausgeht, ſo
daß ſeine Schule ſtets das Gepräge ſeiner Eigenthümlichkeit an
ſich tragen wird , und das ſoll fie, ſie foll der Ausdru> des
Geiſtes ſein, der in ihr lehrt und erzieht, aber dieſer Geiſt
joll ein demüthiger ſein und die Schule nicht als fein Eigen-
thum, ſondern fi< als Eigenthum der Sc ihrer hohen Zwecke betrachten. Beſonders aber darf der Lehrer
niht dana? trachten , den Schülern das äußere Gepräge ſeiner
eigenen Geiſtesbeſchaffenheit aufzudrüken, Achtung der beſon-
deren Eigenthümlichkeit, Mannichfaltigkeit der Entfaltung der
einzelen Schüler muß dem Lehrer ſtets etwas Ernſtliches ſein.
Geht ein mächtiger Geiſt vom Lehrer aus, ſo wird er aller-
dings nicht bloß anregend, ſondern Überwältigend und beſtim-
mend auf die Schüler wirken; allein es wäre verkehrt, es darx-
auf anzulegen , ihnen die leßte Autorität zu ſein. Nein -- ex
tritt zurü, er ſtellt ſeine Beſonderheit, ſein ſpeciſiſches Weſen

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