Allgemeine Schul-Zeitung.

Samſtag , 3. Juni
1854
„YE 66.

ite
Lehr - und Erziehungsanſtalt für Knaben und junge
Leute zu Friedrichsdorf. ,
Das Städt Homburg in der Landgrafſchaft Heſſen-Homburg und 3 Stun-
den von Frankfurt a. M. gelegen, verdankt ſein Entſtehen
franzöſiſchen Flüchtlingen. Zwanzig bis dreißig Familien aus
verſchiedenen Provinzen Fraukreihs wurden vom damals regie-
renden Fürſten Friedrich Il., nach der Zurücknahme des Edicts
von Nantes, großmütig aufgenommen und gründeten Fried-
ri<8dorf, wo ſie Fabriken errichteten , die no< heute fortbe-
ſtehen. In dieſen Familien hat ſi< die franzöſiſche Sprache
nicht nur erhalten, ſondern in neuerer Zeit durc< die Sorge
einiger aus Frankreich und der Schweiz eingetretenen Prediger
no< vervollfommnet. Die franzöſiſche Sprache, welche in an-
deren Kolonieen gleichen Urſprungs völlig außer Gebrauch ge-
kommen ijt, beſteht zu Friedri ſprache ; und -bemerkenswerth bleibt es, daß der reine Accent
ſich hier erhalt.
Dieſer Ort bietet demnac< der wiſſbegierigen Jugend un-
läugbare Vortheile dar, um durc< täglihe Uebung das Franzö -
fiſ berückſichtigt wünſchen , hier völlige Befriedigung finden werden,
Der jetzige Vorſteher, Prof. L. F. Garnier, der fim in Pa-
ris ſowol, als in Deutſchland mit beſonderem Fleiße dem Stu-
dium des pädagogiſhen Faches gewidmet, hat vor 19 Jahren
hier eine Erziehungsanſtalt gegründet.
Der Hauptzwe>k dieſer Anſtalt geht dahin , junge Leute für
die Handlung und das Geſchäftsleben zu bilden. Unter den
Unterrichtsgegenſtänden wird franzöſiſche, engliſ Sprache, nebſt Stylübungen in dieſen drei Sprachen, Rechnen
dur< Algebra erläutert, Geographie , Schönſ ſchichte, doppelte Buchhaltung, Geometrie, verbunden mit Feld-
meßfkunft , Phyſik, Chemie mit beſonderer Berüfihtigung ihrer
Anwendung auf Induſtrie und AFerbau, franzöfiſ Literatur gelehrt. Der Religionsunterriht von den Conſfeſſions-
geiſtlichen ertheilt. Den Zöglingen eine ihrem künftigen Berufe
entſprechende Richtung zu geben, iſt Hauptgegenſtand unſerer
Beſtrebungen.
Alle 3 Monate werden die Eltern von dem Betragen und den
Fortſchritten ihrer Kinder benachrichtigt. Die Ferien betragen
2 Monate, nämli< zu Oſtern 3 Wo September 5 Wochen. Eine Prüfung, zu welcher die Eltern
eingeladen werden , beſchließt das Winterſemeſter,
Ein ausgezeichnet tüchtiger Arzt von Homburg (Dr. Müller)
bejucht tägli< die Anſtalt. Im Falle der Erkrankung eines
Zöglings werden die Eltern unverzüglich davon in Kenntniß ge-
ſekt.
Zöglinge werden vom 40. Lebensjahr an aufgenommen.
Der Preis der Penſion beträgt jährlich 360 fl.
im 24 fl. Fuße und wird in vierteljährigen Zahlungen vor-
aus entrichtet. Dieſe Summe begreift den Unterricht, die Nah-
rung, die Wohnung, die Bett- und Möbelmiethe, den Zeichen-,
Geſang -, Tanz- und Turnunterriht , das Honorar für den
Arzt, die Wäſche, die Ausbeſſerungen an dem Weißzeuge und
den Lohn der Dienſtboten , welchen leßteren jedoch jeder Zögr-
ling 2 fl. =- als Neujahrs8geſchenk zu geben hat. Der Unter-
richt in der Muſik und im Fechten, ſowie die Ausgaben für
Kleider und Screihmaterialien werden beſonders bezahlt. Porto
für Briefe und und Padete und andere kleine Ausgaben be-
ſtreitet der Zögling mit ſeinem Taſchengelde, welches er von
ſeinen Eltern erhalten wird. Es ſoll für Zöglinge von 10 bis
13 Jahren in 36--48 Kreuzern, von 138--15 Jahren in 1 fl.
und von 19-18 in 1fl. bis 1 fl. 30 kr. monatlich beſtehen, --
Für Zöglinge, welche die Ferien in der Anſtalt zubringen, wer-
den täglich 40 kr. bezahlt. Bei ihrem Eintritte in die Anſtalt
befommen die Zöglinge gedruckte Geſeße, die ſie genau befol-
gen müſſen.
Das Intereſſe der Zöglinge geſtattet den Austritt aus der
Anſtalt nur am Schluſſe eines jeden Semeſters. Von dieſer
Regel kann nur bei Krankheitsfällen eine Ausnahme gemacht
werden. Da im Jahre 2 Monate Ferien find, ſo beſteht das
Schuljahr nur aus 40 Unterrichtsmonaten , für welche die Pen-
fion im Betrag von 360 fl. bezahlt wird, und einzele Monate
werden hiernach berechnet.
Beim Eintritt in die Anſtalt hat jeder Schüler mitzubringen :
6 Handtücher, 12 Hemden, 12 Paar Strümpfe, 12 Taſchen-
tücher und ein Käſthen mit den zur Reinhaltung des Körpers
erforderlihen Sachen. Die übrigen Kleider bleiben dem Er-
meſſen der Eltern überlaſſen.
(Es wird weder eine Bettſtelle , noh ſonſt irgend ein Möbel
mitgebracht , da die Anſtalt ſolMe den Zöglingen liefert.
Die Zöglinge, wel weder franzöſiſm, no< deutſch ſpreßen und daher Privatunter-
richt haben müſſen , zahlen 440 f!. jährlich.
Prof. L. F. Garnier.
Bei einem ohnlängſt gemachten Beſuch dieſer Anſtalt fand
i< 104 Penſionäre, deren faſt durchaus kräftiges heiteres Aus-
ſehen das erſte günſtige Zeugniß für ihre geſunde friſche Le-
benSweiſe ausſtellte. Ein längerer Einbli> in die innere Ein-
ri Eſſſäle , Hofraithe, Küchen und Stallungen, Gärten , Spiel-
und Turnplaß, in die Kleiderkammern und Bücerbehälter zeigte
große Reinlichkeit, Zwe>mäßigkeit, Ordnung und --- was in unſrer
am Luxus kranken Zeit ni Einfachheit. Die wiſſenſc Vorſteher von 6 im Hauſe wohnenden Erziehern und einigen
Lehrern gefördert werden, waren wohlbefriedigend , zum Theil
ausgezeihnet gut. Die Umgangsſprache im ganzen Inſtitut iſt
die franzöſiſche, wel die Hrn. Grofſin, Meunier und Gaillard, wo nötig

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