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Bemerkungen wollen wir uns auch über das Wie der Ausfüh-
rung äußern. Im Allgemeinen gebürt dieſer das Lob der Rich-
tigfeit und Klarheit. In einfachem AusdruF wird mit Umſicht
der Kern der Gedichte in ſeinen einzelen Theilen offen gelegt,
und in angereihten Bemerkungen, die jedoch nicht gleichmäßig
über alles Shwierige ſi< verbreiten, mancher alterthümliche
Brau< und Geſichtspunkt beleu beſonders in's Auge zu faſſende Stellen namhaſt gemacht.
Einverſtanden mit der Mehrheit des Gegebenen haben wir an
Einzelem Anſtoß genommen. In der Erklärung der Ode 1, 29
iſt z- B. unſeres Bedünfens zweierlei verfehlt. Auguſtus, heißt
es, hoffte dur< den Feldzug gegen die Araber „ſeine Freunde
zu bereichern (,) oder über reiche Feinde zu ſiegen.“ Wenn er
der erſten ſ nur durch einen Sieg in Erfüllung gehn; ein trennendes oder
iſt alſo an ſich ſchon gar nicht ſtatthaft. Aber woher kennt
Hr. F. des Kaiſers Abſicht? Er beruft ſich auf Strabo XY1,
22:5) Ydo qpikois Thntde nhovolotg X0N6E0Odt:, 1
EXO'DOV KOLTNIEND HhOUGLOV. Sat Hr. F. PikaUS NATETE
TAhQUGotOUg Trotnvew vor ſich zu ſehen geglaubt? Strabo
jagt ja, er hoffte entweder an den Arabern reiche Freunde zu
haben, oder in ihnen reihe Feinde zu bewältigen. Wenige
Zeilen zuvor drückt er dasſelbe ſo aus: 7oogoxecovot
07] d:EvoNnO1] TOUTOUS , 1) KATAOTOEUET TE Der Wer
danfengang wird ſo angegeben: „Beneideſt du wirklich die
Araber um ihre Schäße und willſt die Meder unterjochen hel-
fen, um eine Braut zu erobern, deren Verlobten du ex-
legteſt, und einen Knaben aus königlihem Geſ als Mundſ Unglaublichſte für wahr halten, als daß du deine philoſophi-
ſhen Bücher mit der Kriegswehr vertauſchteſt.“ Soll derlei
ein verſtändiger Secundaner ſich ni wird er nicht richtiger in dem Quae tibi virginum spons0
necalo barbara Serviet? d. bh. in der ſc auf das Verhältniſſ einer erbeuteten Sclavin zu ihrem ſiegrei-
hen Herrn, wie es in der Heroenzeit z. B. zwiſc und des Briſeus roſiger Tochter beſtand (ohne gerade an Vir-
gils vicloris heri tetigit captiva cubile zu denken), nur eine
poetiſc<;, ausgemalte Folge von nectis catenis , und keinen
Antrieb zur Theilnahme am Feldzug erblifen? Chbenſo bil-
det dex puer ad cyatbum feinen Theil der gazae Arabum,
auf deren Erwerb der Philoſoph auszugehen ſ wieder nur ein ungeſuchter Erwerb der aeris militia. = Die
Ode I], 13 iſt nicht 724, ſondern 734, oder 733 gedichtet,
denn 111, 8, die Jahresfeier des Baumſturzes, iſt 734 oder
735 gedichtet. =- Zu 1, 35 iſt manches Unbegründete vorge-
bracht. „Nicht die Willkür, heißt es, ſondern die unahwend-
bare Nothwendigkeit (mit ihren Symbolen, die bindende Ge-
walt andeuten) leitet die GlüFsgöttin, welcher Hoffnung und
Treue zur Seite ſtehen. Denn wenn ſie von einem Glü&lichen
ſich losfagt (ihn in's Verderben ſtürzt) und die treuloſfe
Menge ihn verläſſt, fo pflegen nur edle, von Treue beſeelte
Freunde ihm ſi< anzuſchließen und die Hoffnung ihn zu be-
gleiten." So wenig aber die vorausgehenden , Beile und Ruten
tragenden Lietoren die nachfolgenden Conſuln leiten, ebenſo we-
wig iſt hier Fortuna als unter der Einwirkung der Nothwendig-
feit zu denken, wenn auch Orelli ſagt: Piucouerny pareat
necesse est. Denn an ein unſelbſtändiges Werkzeug der 8a0YAa
Necesgilas würde fich der Dichter um Schuß für ſeinen FüÜr-
ſten nicht gewendet haben; die 5te Strophe verfinnlicht vielmehr
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die mit der Gunſt der Fortuna verbundene Macht, die Fortuna
ſelbſt iſt aber als griehiſche TvVx7g, als dea anceps aufge-
faſſt. Die Hoffnung knüpft ſih an utraque fortuna, an pros-
pera und adversa an, ebenſo bleiben ihr, wohl zu merken
Fortunae , dem Glüdszuſtande, wie er auch wechſele , einzele
ſeltne Freunde, im Gegenſaß zu den Shmarozern und der eid-
brüchigen Bulerin , getreu (rara Fides, wel ſtets als Glaube deutet), wenn auch die Göttin aus der amica
eine inimica geworden oder bildlich mutata veste, nicht mehr
Splendida, Sed Squalida veste induta, mit ihren früher Bes-
günſtigten deren mächtige Paläſte räumet.
Bei Ode 1, 28 bleibt Hr. F. der altherkömmlichen und
do worfenen Annahme eines Dialogs getreu, ſtüßt ſich aber auf
Gründe, die kaum Einen zu fich herüberziehen werden. Judice
te, an den Sciffer gerichtet, ſoll 3. B. nicht anſtößig ſein,
„weil Ar<. zu einem Tarentiner ſpra<. Der Sciffer kennt
(nämlich) den Arh. und achtet und bewundert ſeine Wiſſen-
ſchaft, wie wohl jeder Tarentiner zu Arch. Lebzeiten that. Wer
aber den Pythagoräer *) Ar<. achtete, der mußte wohl auch
den Pyth. ſelbſt achten, da Arch. vorzugsweiſe der Verpreiter
der Lehre des Pyth. war.“ Aus dem Kennen und Achten des
Schülers folgt aber no wer den Rafael kennt und achtet, muß no< nicht den Perugino
kennen und achten; jeder "Wittenberger Bürger kannte und ach-
tete und bewunderte wol zur Reformationszeit den Dr. M. Lu-
ther; wie viele au< den Auguſtin, wiewol Luther vorzugsweiſe
der Verbreiter dieſer und jener Lehre desfelben war? Liegt
aber wirklih Ahtung und Bewunderung für Ar Anrede des vermeintlichen Schiffers, der nur auf Gewinn
bedacht ſich nicht die Zeit nehmen will, dem wehmütig flehen-
den Shatten dur< drei Hand voll Staubes die erfehnte Ruhe
zu geben? Bli&t nicht vielmehr ſchon aus der hohtrabenden
Anrede, aus dem Gegenſaß von numero carentis arenae und
pulveris exigui munera ein gewiſſer Hohn, ein Belächeln der
unfruchtbaren Gelehrſamkeit im Vergleich ſeines einträglichen
Gewerbes hervor? Statt eine Anſicht entſchieden und durch-
greifend gegen nahe liegende Bedenklichkeiten zu vertheidigen
und annehmbar darzuſtellen , ſpri ſcheine „zwe>mäßigſten Eintheilung“ , ſodann von einer wie es
ſcheine „einfacheren, aber minder allgemein gebilligten Annahme“
und drittens von einer „ferner aufgeſtellten Annahme, bei der
aber die allgemeine Mahnung an den Sciffer in minder ſtren-
gem Zuſammenhang und me--obruit ganz müßig ſtehe.“ Das
entfräftet Alles nicht die von Lübker (Commentar zu Horaz
Oden, 1841) treffend dur ſelbſt eingedenk ſeiner überſtandenen Lebensgefahr auf dem Meere
an dem Grabmal des Archytas feine Gedanken und Gefühle
über die Unvermeidlihkeit des Todes und die Pflicht der Pie-
tät gegen Verſtorbne als lyriſcher und römiſ ſprim Philologenverſammlung gegen Thierſ< das Wort und ſtehet
Orelli nicht ferne, während Dünßer (Kritik und Erklärung
der Oden des Horaz 1840) ſie verwerfli< findet, dabei aber
earn arwae

*) Hr. F. ſchreibt wie Lübker fortwährend unrichtig : Pythogoräer und
pythagoräiſch gegen Aristot. de coelo 11, 10, Met. 1, 5 Uvta-
0080, Cic. Tusc. 1, 16 Pythagorei -- und Buttmann's Aus-
führl. Grie<. Sprachl. 11, S. 339.

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