Allgemeine Schul - Zeitung.

Donnerſtag , 3. Auguſt
Macaulay über die Jeſuiten und Jeſuitenerziehung.
„Im 16. Jahrhunderte wurde das Papfithum, während es
neuen und furchtbareren Gefahren, als es jemals bedroht hat-
ten, ausgeſeßt war, durch einen neuen religiöſen Orden gerettet,
der von großer Begeiſterung belebt und mit ungemeiner Ge-
ſhiFlichkeit organiſixrt war. Als die Jeſuiten zur Rettung des
Papſtthums kamen, fanden ſie es in äußerſter Gefahr; aber
von diejem Augenblicke an wendete ſi< der Stand der Schlacht.
Der ProteſtantiSmus, der ein Menſ überwältig hatte , wurde in ſeinem Fortſchritte aufgehalten und
in reißender Schnelle von dem Fuße der Alpen zu den Küſten
der Oſiſee zurüFgeſchlagen. Bevor der Orden ein Jahrhundert
beſtanden , hatte er die ganze Welt mit Kennzeichen großer Tha-
ten und Leiden für den Glauben erfüllt. Keine religiöſe Ge-
meinſ ner vorzeigen; keine hatte ihre Operationen über einen ſo wei-
ten Raum ausgedehnt; in keiner war aber auch jemals ſo voll-
kommene Einheit von Geſinnung und Handlung geweſen. Es
gab feine Gegend des Erdkreiſes , keinen Pfad des fveculativen
oder des praktiſchen Lebens, worin nicht Jeſuiten zu finden
waren. Sie leiteten die Rathſchlüſſe: von Königen. Sie ent-
zifferten lateiniſ gungen der Satelliten des Jupiter. Sie veröffentlichten ganze
Bibliotheken, Polemik, Caſuiſtik, Geſchichte, Abhandlungen
über Optik, alcäiſ drigals , Katehismen und Spottlieder. Die höhere Erzie-
hung der Jugend ging faſt ganz in ihre Hände Über
und wurde von ihnen mit vorzüglicher GeſhiFlich-
keit geleitet. Sie ſ DeFt zu haben, bis zu welchem die geiſtige Cultur
geführt werden kann, ohne daß geiſtige Freiheit zu
für einzugeſtehen, daß fie in der Kunſt, das zarte Ge-
müt zu leiten und zu bilden, ihres Gleichen nicht
hätten. Daneben pflegten ſie eifrig und exfoigreich die Kan-
zelberedſamkeit. Mit noch größerem Eifer und noh größerem
Erfolg verlegten ſie ſich auf den Dienſt des Beichtſtuhls.
Dur< das ganze katholiſche Europa waren die Geheimniſſe jes
der Regierung und faſt jeder anſehnlichen Familie in ihrer Ver-
wahrung. Sie ſchlihen unter unzähligen Verkleidungen, als
heitere Cavaliere , als einfache Landleute, als puritaniſche Pre-
diger von einem proteſtantiſchem Lande zum andern. Sie wan-
derten in Länder, zu deren Erforſchung weder mercantiliſche
Habſucht, noc Fremden bewogen hatte. Sie waren in der Tra darine zu finden, die Sternwarte von Pekin beauffichtigend.
Sie waren mit dem Spaten in der Hand zu finden, wie fie
die Wilden von Paraguay in den Anfangsgründen des Land-
baues unterwieſen.
„Aber wo immer ſie ſich aufhielten, wie immer ſie ſich be-
jhäftigten , ihr Geiſt war derſelbe: gänzliche Hingebung an die

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gemeinſame Sache , blinder Gehorſam gegen die Centralgewalt.
Keiner von ihnen hatte ſich felbſt ſeinen Wohnplaß , oder feinen
Beruf gewählt. Ob der Jeſuit unter dem Polarkreis, oder
unter dem Aequator leben, ob er fein Leben mit Ordnung von
Gemmem und Collationirung von Handſchriften im Vatican,
oder ob ex es damit hinbringen ſolle, nate Barbaren in der
jüdlihen Hemisphäre zu Überreden , daß ſie einander nicht auf-
fraßen, das waren Angelegenheiten, die er mit tiefer Unter-
werfung der Entſcheidung Anderer überließ. Wurde er zu
Lima gebraucht, ſo war er mit der nächſten Flotte auf dem
atlantiſwGen Meere. Wurde er zu Bagdad gebraut , ſo plagte
er fſih mit der nächſten Karawane durc< die Wüſte. Bedurfte
man Feiner Dienſte in einem Lande, wo ſein Leben unſicherer
war, als das eines Wolfes, wo es ein Verbrehen war, ihn
zu beherbergen , wo die auf den öffentlichen Plätzen aufgeſte>-
ten Köpfe und Viertheile ſeiner Brüder ihm zeigten, was ex
zu erwarten habe, ſo ging er ohne Vorſiellung oder Zögerung
ſeinem Sc no< nicht erloſhen. Als in unſerer eigenen Zeit eine neue
und fur als in einigen großen Städten die Furc hatte, die die Geſellſchaft zuſammenhalten, als der weltliche
Klerus ſeine Herden verlaſſen hatte, als ärztlicher Beiſtand
niht für Geld zu erkaufen war, als die ſtärkſten natürlichen
Neigungen der Liebe zum Leben gewichen waren, ſelbſt dann
ward der Jeſuit bei dem von Biſchof und Pfarrer, von Arzt
und Krankenwärterin, von Vater und Mutter verlaſſenen Kran-
fenbette gefunden, über verpeſtete Lippen gebeugt, um die
ſ ßenden bis zum lezten Augenbli>e das Bild des ſterbenden Er-
löfers vorzuhalten.
Aber mit der bewundernswürdigen Energie, Uneigennübßig-
keit und Selbſtverläugnung, welche die Geſellſchaft bezeichneten,
waren große Laſter gemiſ behauptet , daß der feurige Gemeingeiſt , welcher den Jeſuiten
unbefümmert um ſeine Ruhe, um ſeine Freiheit und um jein
Leben mache, ihn auh unbekümmert um Wahrheit und
Erbarmen mache; daß ihm keine Mittel unrec das Intereſſe ſeiner Religion befördern konnten, und daß er
unter dem Intereſſe feiner Religion nur zu oft das Intereſſe
ſeiner Geſellſ abſheuli ſeine Mitwirkung deutlich nachgewieſen werden konnte; daß er,
nur in der Anhänglichkeit an die Bruderſchaft, zu der er ge-
hörte, ſich gleichbleibend , in einigen Ländern der gefährlichſte
Feind der Freiheit und in andern der gefährlichſte Feind der
Ordnung geweſen. Die mächtigen Siege, die er ſich in der
Sache der Kirche errungen zu haben rühmte, waren nach dem
Urtheile vieler berühmter Mitglieder jener Kir als wirkliß. Er hatte zwar mit wunderbarem Seine des
Erfolgs daran gearbeitet , die Welt ihren Gefeßen zu untersz
werfen : aber er hatte dieß gethan, indem er ihre Geſeke
loderte, um ſie dem Geiſte der Welt anzupaſſen. Statt ſich

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