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zu bemühen, die menſchliche Natur zu dem edeln Maßſtabe zu
erheben , der durc< göttlihe Vorſchrift und Beiſpiel beſtimmt
worden, hatte er den Maßſtab erniedrigt, bis er unter
dem Durchſ ſich der Maſſen von Bekehrten , die in den fernen Gegenden
des Oſten getauft worden; aber es ward berichtet, daß einigen
dieſer Bekehrten die Thatſachen , auf welchen die ganze Theolo-
logie des Evangeliums beruht, liſtig verhehlt worden waren,
und daß man andern verſtattet hatte, der Verfolgung dadurch
zu entgehen, daß ſie fich vor den Bildniſſen falſcher Götter
niederbeugten , während fie innerlih Paternoſters und Apes
wiederholten. Auch ſollte er nicht bloß in heidniſchen Ländern
ſolh Leute von allen Ständen, und beſonders von den höchſten
Ständen , ſim zu den Beichtſtühlen in den jeſuitiſ drängten; denn von dieſen Beichtſtühlen ging Niemand unzu-
frieden hinweg. Hier war der Prieſter Alles für Alle. Er
ging in der Strenge nicht ſo weit, daß die, welche vor ſeinem
geiſtlichen Tribunale knieten, zu der Kirhe der Dominicaner
vdex FranceiScaner getrieben worden wären. Hatte er es
mit einem wahrhaft frommen Gemüt zu thun, ſo ſprach er in
den heiligen Lauten der erſten Väter; aber bei dem ſehr zahl-
reihen Theile der Menſc um unruhig zu werden , wenn er Unrecht thut, aber nicht Re-
ligion genug, um vom Unrechtthun abgehalten zu werden , be-
folgte er ein ganz anderes Syſtem: Da ex ſie nicht von der
Sculd abwenden konnte, ſo war es ſein Geſchäft, ſie vor
Reue zu bewahren. Ex hatte ein unermeßli ſ bote. In den caſuiſtiſ geſc den, waren Lehren voll Troſt für Sünder jeder Claſſe zu fin-
den. Hier wurde der Bankerotte belehrt, wie ex ohne Sünde
ſeine Güter vor feinen Gläubigern verheimlihen könne. Der
Dienſtbote wurde belehrt , wie er ohne Sünde mit dem Silber-
zeug feines Hertin davon gehen könne. Dem Kuppler ward
verfichert , daß ein halt dur< Tragen von Briefen und Botſchaften zwiſchen verhei-
ratheten Frauenzimmern und ihren Galanen verdienen könne.
Der herzhafte und punkütilidſe franzöfiſ dur< eine Entj Die an ſ Jtalenex waren froh, zu erfahren, daß ſie, ohne irgend ein
Verbrechen , hinter He&en hervor auf ihre Feinde ſchießen könn-
ten. Dem Betrug ward eine Freiheit gegeben, groß genug,
um den ganzen Werth menſc Zeugniſſes zu vernichten. Fürwahr, wenn die Geſellſchaft fort-
fuhr , zufammenzuhalten, wenn Leben und Eigenthum irgend
eine Sicherheit genoſſen , ſo war es, weil geſunder Verſtand
und geſundes Menſ zu thun, wovon ihnen die Jjeſuitiſ daß fie es mit gutem Gewiſſen thun könnten.
So wunderbar waren Gutes und Böſes in dem Charafier
dieſer gefeierten Brüder untermiſ Geheimniß ihrer rieſigen Ma bloßen Heuchlern zuſtehen können. Sie hätte niemals ſtrengen
Moraliſten zuſtehen fönnen. Sie war nux von Männern zu
erlangen, welche aufrichtig begeiſtert für die Berfolgung
eines großen Zwees und zugleich unbedenklich in der
Wahl der Mittel waren.“ (Geſ<. England's, überſf. v. Bülau,
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DI. S. 67 ff.) Wie kann zum Erzieher berufen ſein , wer
niht fittlihe Würde in fiß hat? Wie kann Vertrauen ver-
dienen, wem die Wahrheit eine Larve iſt, nac< Belieben an -
und abzulegen ? Wie kann auf den Ruhm eines Erziehers An-
ſpruch haben, wer nicht in geiſtiger Freiheit ſein Ziel erblickt ?
K. W.
Leyde und Pape,
Das dießjährige Oſterprogramm des Gymnaſiums zum
grauen Kloſter in Berlin erwähnt 2 der ausgezeichnetſten Lehrer,
welche dieſe Anſtalt im abgelaufenen Schuljahre durc; den Tod
verlor; es waren die Profeſſoren Leyde und Pape.
Dr. Eduard Leyde, geboren den 16. November 1799,
war in ſeiner Jugend keineswegs- von günſtigen Verhältniſſen
unterſtüßt, vielmehr mußte er mühſam den Mangel an äußeren
Mitteln zu erſezen ſuchen, um die Bildung feines Geiſtes zu
erringen , die ihn nac tpekerkunſt beſtimmt, erhielt er ſ liches Wiſſen, feine Beſonnenheit und ernſte Ausdauer einen
bedeutenden Wirkungskreis , dem er mit treuer Pflichtliebe und
ſchönſtem Crfolge oblag. Später aber folgte er ſeinem ſchon
früh geahneten innern Berufe für das Studium der Natur-
wiſſenſchaften und für das Lehrfa zeitung dur<; Privat - und Univerſitätsſtudien kam ex Michaelis
1833 als Hilfslehrer an das BerliniſMe Gymnaſium, an dem
er dann 2 Jahre ſpäter zum ordentlichen Lehrer hHeraufrücte.
Sein bedeutendes Lehrertalent, ſowie ſeine ſichere Gründlichkeit
in den Naturwiſſenſ den Eigenſ Berufe ausgezeichnet hatten , und mit Liebe feinen Lehrfächern
und der Jugend hingegeben, war er unauSgeſeßt eifrigſt damit
beſchaftigt, ni mit Liebe zu den Wiſſenſchaften , die ex lehrte, zu erfüllen, und
ſie in denſelben gründlich zu bilden, ſondern es lag ihm auc<
ebenſo ſehr am Herzen, die Jugend in ſittlicher Beziehung zu
fördern. Zwanzig Jahre lang dauerte ſeine geſegnete Wirkſam-
keit an gedpahter Anſtalt, und es iſt ihm während dieſer Zeit
gar mancher Beweis geworden von der Dankbaren Liebe, welche
ſeine Schüler auch über die Zeit ihres Sculverhältniſſes hin-
aus zu ihm hinzog. Wiewol er ſeit mehreren Jahren dur
körperliche Leiden geprüft wurde , wußte er dom durc< die Ener-
gie feines Geiſtes ſo Herr Über fie zu werden, daß ſie ihn nur
felten in der Ausübung ſeines ihm über Alles theuren Berufes
hemmten, und ſo glaubte man hoffen zu dürfen, daß ſich die
Anſtalt no< lange ſeiner kenntnißreichen und liebevollen Thä-
tigkeit erfreuen würde. Dieſe Hoffnung wurde aber zu S den durc) einen im vorlezten Winter erneuten Krankheitsanfall,
welcher na< 11 monatlichen Leiden am 30. October 1838 ſei-
nen Tod herbeiführte. Am 2. November begleiteten Lehrer und
Schüler derſelben die irdiſme Hülle des entſ zur Gruft. Am 414. December beging das Lehrercollegium no eine beſondere Gedähtnißfeier für den geliebten Amtsgenoſſen,
an welcher außer den Sc<ülern der Anſtalt auch viele andere
Freunde des Verewigten Theil nahmen. Dex Entſchlafene war
abex nicht bloß ſeinen Collegen ein treuer Freund und lieber
Amtsgenoſſe und der Anſtalt ein verdienſtvoller Lehrer, jondern
er war auch ein langjähriges, treues und a glied der polytehniſchen Geſellſchaft, an deren Entwickelung er

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