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Dr. Stier zu reden, „lutheriſche Kartoffeln“ (!) oder reformirte,
oder unirte, mit dem Salz der Wahrheit würzen, auf Kind
und Kindeskind erhalten wolle, verbinde i< nicht das Streben
„deutlich für Jedermann“ Zu ſein, ſondern Lehrern beider Con-
feſſionen und der Union eine Bitte an's Herz zu legen, nach-
dem iM mich vor ihnen gegen die Verdächtigungen des Hrn.
Dr. Stier verantwortet und alle ſeine angeblichen Thatſachen
an ihn zurügeſtellt habe, wie folgt," =- Wir erkennen hier-
aus, daß der Streit pikanter Natur iſt, und es ſcheint aus dem
Inhalt der Broſchüre neben vielen Ausflügen und Bariationen
weſentlich darauf hinaus zu gehen, daß man das Kirchenlied
unter allen Umſtänden nicht verändern und es dann doch no<
dem urſprünglichen Verfaſſer zuſchreiben dürfe; es fei Überhaupt
niht reßt, an dem Kirhenlied irgendwie zu verändern. Im
Anhang werden auch zwei Lieder unverfälſcht und deutlich für-
Jedermann gegeben: 1) Zum neuen Jähr, aus dem norddeut-
ſchen Correſpondent, Schwerin, 1854; 2) die Nachtigall von
Wittemberg, aus demſelben , Nr. 36. Nachdem Rf. im „Pä-
dagogiſ „Leitfaden zum Confirmandenunterricht nach Luther?s Katechis-
mus“ von Dr. Stier , Berlin , Dehmigke. 51. 8, S. bS8 ge-
lefen und da gehört hat, daß dieß Buch zwar in gedrängter,
aber inhaltsſc ßen Reichthum an bibliſ gedruct ſind, daß es außerdem viele Freunde gefunden hat; fo
muß es Rf. beklagen , daß ſich ſo ausgezeichnete Männer in der
evangel. Kirche auch no< zumeiſt um einen ſo lieblichen Gegen-
ftand , das evangel,. Kir quiälicher Weiſe bekämpfen. Wie Hr. Stier die Bibelſtellen,
ſo deutet Hr. Stip viele Stellen zum Nachtheil der Deutlich-
feit in ſeiner Schrift nur an, ſo daß man eben bei dem ſorg-
fältigſten Durchleſen do< über Manches im Unklaren bleibt,
ſobald man nicht den Streit von Anfang an kennt, ſowie die
dabei betheiligten Schriften zur Seite hat. Ungeeignet hält
aber Rf. das beſtändige pikante Anziehen und Häkeln der Stel-
Ien „zur Genüge“ und „deutli für Jedermann“ , „neuer.
dings“ 2x. Eine ſol und in belehrender Weiſe nicht für „Jedermann“ , ſondern we-
nigſtens für „Sac<- und Fackenner" zu zergliedern. Das
Kir blife nur auf die Verwäſſerung vieler Lieder. Damit will ich
aber niht gefagt haben, daß ic zeichnet , für erbauend genug halte. Manche Lieder müſſen, will
man ſie beibehalten, verändert werden, und das thut auß ſchon
1784 das Heidelberger Geſangbuch, vgl. Vorrede, S. IX!
Aber Über eine Veränderung müßte man einig werden können.
Das von Joh. Riſt, geb. 1607, geſt. 41667, voll religiöſer Be-
geiſterung geſchriebene Lied: „D Ewigkeit, du Donnerwort, o
Shwert, das durch die Seele bohrt 2c.“ , welhes man wieder
bervorholt und hier und da in den evangel. Kir jen will , zählt Rf. nicht zu denen, die freudig , beglüFend auf
das Gemütsleben wirken; im Gegentheil, ſolche Lieder erween
Mißbebhagen , Pein, erſhreFfen uns vor Gott und Ewigkeit,
ſtatt uns dur< wahrhaft träftige , mit ed dur Das „Donnerwort" erzieht bei den meiſten Menſ erſhre&t , =- und ſagt man: das evangeliſche Lied hat uns
nicht freundlich zu berühren , es foll uns erſen, damit es
uns mahnt und erbaut und für das Höhere und Göttliche ex-
zieht , fo ſ 802
zu ſein, der mit unendlicher Barmherzigkeit und Liebe auf uns
Alle herabblit, den uns Jeſus Chriſtus als den liebevollen
Vater dargeſtellt hat, und der nicht nur donnert und wettert. *)
Solche zu ſirengen Lieder ſind darum in den evangel. Geſang-
büchern zu vermeiden, zumal fie bei Vielen eher ein Be-
lächeln, als ein Erbäuen erzeugen und gewißlich) erzeugen wer-
den. Und dann , was ſagt man zu der AusdruFsweiſe **), wie
ſie ſiM 3. B. im erſten Vers am Scluß zeigt:
Mein ganz erſcnes Herze bebt,
Daß mir die Zung* am Gaumen klebt?
oder wie es im zweiten Vers heißt:
Die Ewigkeit hat nur kein Ziel;
Sie treibet fort und fort ihr Spiel(!)
Laßt nimmer ab zu toben.(!)
oder wie der achte Vers Ausdrüce bringt :
(F8 wird fich der Verdammten Scaar
In Feur* und Schwefel immerdar
„Mit Zorn und Grimm umwenden.
oder wie der zehnte Vers Gedanken hat:
Dafür wirfſt du die arme Seel?
Hernachmals in die Teufelshöhl.
Bei ſolhen Liedern muß Jeder zittern und beben und vor
Traurigkeit nicht wiſſen, wo er ſich hinwenden ſol. Gewährt
uns denn die Liebe, die innige Hinneigung zu dem hohen BVer-
mittler Jeſus Chriſtus, ni ten wir nicht lieber, als „O Ewigkeit, du Donnerwort“, mit
Paulus Gerhardt (geb. 1606, geſt. 1676) fingen können:
„Mein Heiland, du biſt mir zu Lieb,
In Noth und Tod gegangen 2.“
und
Alsdann laß deine Liebestreu
Herr Jeſu, mir beiſtehen,
Troſt zuwehen ,
Daß ich getrojt und frei mög" in dein Reich eingehen ?
Das iſt ein na< der Melodie: „JH ruf zu dir, Herr 26.“ Nr. 771 im
„Unverfälſhten LKLiederfegen“, == ein rechtes Troſtlied in alter
Ausdrusweiſe. Herr Stip, begeiſtert mit gewandter Feder für
das Beſſere und Höhere, iſt aber wol, was ſogleich aus den
erſten Zeilen der Broſc eine Schrift: „Unlatheriſm „Hart gegen Hart!“ herausgegeben hat, zum Kampf angeſtachelt
worden; denn er erfennt auc< an und ſagt z. B. Über die be-
kannte Shrift von Baur, S. 9: „So haben wir die Schrift
von W. Baur, durch welche die Geſangbuchsnoth von Stier weit
übertroffen , in der Zeitichrift für luth. Theol. und Kirhe (1854
1. S. 201 flg. „Das Kirchenlied 2c. zur Beleu ſangvuchsnoth im Großh. Heſſen. Frankfurt a. M. 1852“)
zwar mit dem Wunſc geſſen und, die Biedernoth allein beherzigen möge, aber do<€ mit

.„J Aber doßh au 2%) In dem Lied „Mein Gott, das Herz ich hringe dtr“ im heſſ. Ge-
ſangbuch von 17352 reimen folgende doch nicht geeignete Ausdrüe
aufeinander und zwar im 23. Vers, Nr. 120: „Du falſ fel8-Braut , =- dein glänzend Schlangen-Haut.“

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