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dung den höchſten AusdruF zu verlangen ſcheint; übertreibend
nur in der faſt eigenſinnigen Zurüchaltung, ernſte Sachlichkeit
und bei allem Ernſte auß zur Scalkhaftigkeit, zur Ironie,
zum beißenden Spott aufgelegt; zart, do< nie zimperlich; ſfinn-
lich , do nig bilderreich , do< ſtets treffend und wo möglich, ſtatt aller
Worte , thatſächlih dur< Zeichen , Mienen, Sc lung -- ſo iſt der Styl des Nibelungenliedes."
Aufg. U. Kap. 9. S. 110: „Die Kinder-Ddyſſee des
Campe*ſhen Robinſon; oder warum reicht an die daraus ent-
haltenen Eindrü>e von unverwelklichem Mitgefühl in Freud und
Leid wol kaum die Wirkung eines ſpäter geleſenen, weit inhalts-
reicheren Buches ?
Allgemeine Angaben: Ueber die Wirkungen dieſes Buches
iſt folgende wohlverbürgte Thatſache entſcheidend. Der zwölſf-
jährige Sohn eines Gebirgsförſters aus dem bayeriſchen Salz-
tammergut las als Progymnaſiaſt während einer Arbeitsſtunde
heimlicherweiſe den Robinſon zum erſtenmale und ſank bei der-
jenigen Stelle ohnmächtig von der Bank, wo Robinſon die
Brandſtätte dex Menſchenfreſſer und die Fußſpuren derſelben im
Sande ende>t. Der unbefugte junge Lefer war nun ſelber
entde>t und hieß ſeitdem unter den Kameraden der Robinſon.
Ueber den Vf. dieſes Buches. Der Original-Robinſon iſt ein
Werk des Engländers Dekos und erſchien 1719. Das jugend-
liche Selbſtvertrauen, das ſich ſo rührend mit dem Vertrauen
auf die göttlihe Vorſehung paart; Fleiß, Ausdauer, Entbeh-
rungsfunſt und Erfindungsbeſtreben ſind die lebhafteſten Züge
des Büchleins , durc; welche es ſich raſch faſt allen Völfern und
allen Sprachen empfahl, Campe's Bearbeitung machte aus
gleihem Grunde bei uns ein ähnliches Glü>. Abgerechnet,
wie oft die Nachdruker ſih darüber gemacht, erſchien 1842
die 32. Braunſ Maße unglü&lich war aber und blieb Doekoe ſelbſt, der Verfaſſer
unſeres geprieſenen Buches, Er war ein eifriger Diſſenter, und
als im Jahre 1702 die biſchöfliche Kirche feindſelige Geſinnun-
gen gegen dieſe Glaubensform ankündigte, war er mit einer
theologiſ Darüber wurde er vom Parlament als Aufwiegler zur Pranger-
fellung verurtheilt. Er ertrug dieſe S und ſchrieb eine Hymne an den Galgen. Aber die Undankbar-
keit eines unnatürlichen Sohnes brach mit einem lezten Streich
dem alten Vater das Herz.
Jetzt verließ er Haus und Eigenthum, das ex mit unſäg-
ſicher Mühe wieder ſchuldenfrei zu machen geſucht hatte, und
überließ Alles den Feinden und Gläubigern, in deren Hände
er fi) abermals nun durch fein Kind gegeben fah. Faſt auf
der Landſtraße in einer elenden Herberge bei London jtarb ex,
fern von jeder menſchlihen Theilnahme. Der Brief , welchen
er auf dem Sterbebett an ſeinen Eidam ſchrieb, ſpiegelt zum
iebtenmal ſeine edle Seele ab ; es iſt die Stimme Robinjon's
von der äußerſten Klippe des Elends herab: „Die Armuth
folgte mir auf der Ferſe, ohne mich umbringen zu können.
In dieſer Schule der Trübſal habe ich mehr Philoſophie geternt,
als auf der Shulbank, und mehr Theologie, als im Semina-
rium. I< habe mein Vermögen und meinen guten Namen
verloren , um meine Ehre zu retten, und ich bereue es niht.
I< bin arm und verachtet, aber ihm verachte die Verachtung,
und meine Seele iſt voll Frieden und Freude.“. --- Das Ver-
zeihniß ſämmtlicher Titel der Werke, die dieſer fruchtbare und
gelehrte Autor in mehreren Sprachen auch über wiſſenſ 820
Fächer geſchrieben hat, füllt gegenwärtig 28 Folioſeiten. Das
Honorar für ſeinen Robinſon beſtand in zehn Gvineen; Ver-
leger und Ueberſeger ſind daran reich geworden ; daß er den
Abenteurer Selki> gekannt und aus deſſen Shifalen ſein Buch
gemacht habe, iſt ein Märchen.“
Die Beiſpiele ſind wegen ihrer Kürze, nicht als die vorzüg-
lichſten gewählt. Sie laſſen indeſſen erkennen, in welcher Weije
der Verfaſſer ſeine Aufgabe verſteht.
In U. 41. S. 106 leſen wir: Das Auge. Thema: Die
Leibesſtrafe der Blendung. =- Anhaltspunkte: Das ſittliche
Auge. Vgl. Sciller's Räthſel über das Auge in Turandot.
Es ſtrahlt Liebe , läßelt GlüF, verheißt Troſt und Frieden,
rollt in wilder Lüſternheit und graufamer Gier, verſchlingt,
frißt und durc fließt über in Reue und ſucht im Verderben oder im Siege
der Tugend triumphirend hinter den Wolken Gott. Das Künſt-
ler-Auge. Die Madonnenbilder Raphaels, die Apoſtelgeſtait
Albrecht Dürer's, die Sonnenlandſchaften von Claude Lorrain.
Auf See, Wald, Gebirg liegt dem Dichter der Abglanz ur-
ſprüngliher Anmuth und Harmonie, deren ſittliche Wirkungen
in der geiſtigen Welt ſo beklagen8werth geſchwächt und verkehrt
erſcheinen. In allen modernen Sprachen, in welhßhe das Buch
Hiob übertragen worden iſt, hinterlaſſen ſeine Naturbilder einen
tiefen EindruF. „Die Morgenröthe erfaßt der Erde Saum;
wir ſehen „den reinen Aether in der Schwüle des Südwindes
wie einen gegoſſenen Spiegel über die dürſtende Erde hinge-
dehnt,“ Wo die Natur kärglih ihre Gaben ſpendet, ſc den Sinn des Menſchen , daß er auf jeden Wechſel im beweg-
ten Luftfreiſe , wie in den Wolkenſchichten lauſcht, daß ex in
der Einſamkeit der ſtarren Wüſte, wie in der des wellenſchla-
genden Oceans jedem Wechſel der Erſcheinungen bis zu jeinen
Vorboten nachſpürt. A. v. Humboldt Kosmos 2, 48. Das
yhyſikaliſ ſtrahl der Siriusfernen ; das des Adlers und Condors ſo weit,
als Chimboraſſo - und Moniblanchöhen. Des Botanikers Auge
ſieht die geringſte Flechte, des Entomologen das kleinſte Jn-
feet an Bergwand und Wieſenfelde. Sciller's Nadoweſſiſche
Todtenklage.
Wo die Augen falkenhelle =- die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Graſes Welle --- Auf dem Thau der Flur ?
Sciller's Jungfrau v. Orleans, das bei den Heerden auf-
gewachſene Hirtenmädchen weiß, daß ſie, wenn auch von allen
Menſc irrend, dom nicht dem Hungertode preisgegeben ſein werde:
I< kenne alle Kräuter, alle Wurzeln,
Von meinen Schafen lernt* im das Geſunde
Vom Gift'gen unterſcheiden --- im verſiehe
Den Lauf der Sterne und der Wolken Zug,
Und die verborgnen Quellen hör? ich rauſchen.
Das wilde Huhn kann i< im Fluge zählen,
Den Falk erkenn? im in den höchſten Lüften.
Das die geſehenen Gegenſtände traveſtirende, aber zugleich
erſchöpfend ſchildernde Auge zeigt ſih in Göthe's Sprüclein :
Kleid eine Säule
Sie ſieht wie ein Fräule.

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