Allgemeine Schul-Z

Samjtag, 19. Auguſt
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Mittheilungen eines alten Sc Jugend - und Schulleben, „venebſt einigen Worten über
„Pietät.
Cs blieb alſo weiter nichts übrig, als bis zum Beginn des
nächſten Schulſemeſters8 den künftigen Gymnaſialſ noh übrigen Zeit vor ſeinem Abgange tüchtig vorzubereiten.
Außerdem aber ließ es ſich die edle Mutter ganz beſonders
angelegen ſein, ihren lieben Benjamin auch äußerli< zuzurichten
und ſorgfältiger, als bisher, mit den Formen des Anſtandes
und feinerer Sitten vertraut zu machen , wie ſolche in den hs-
heren Kreiſen der Gebildeten geſunden werden.
zu meinem. Vater, der neben ſeiner amtlichen und ſeelſorgerlichen
Thätigkeit ſeine übrige Zeit meiſtens mit Studiren in ſeinem
Bücerzimmer verlebte, auf Aeußerlichkeiten wenig Gewicht legte
und ſich über den „Formenkram“, wie ex?s nannte, hinwegleßte,
wie er denn ausgerüſtet mit einer poetiſchen Ader und einem
unverwüſtlichen Humor viele die Tagesgeſchichten und ſittlichen
Gebrechen ſeiner Zeit geißelnde Epigramme *) ſchrieb und auf
der Kanzel mit männlicher Freimüthigkeit und ſtrenger Wahr-
heitsliebe in - einer vem Landvolke verſtändlihen, kräftig ein-
dringlichen Sprachweiſe alle im S menden Vergehen und Unfſittlichkeiten derb zu rügen nie unter-
ließ = ich ſage, im Gegenſaße zu den mit dem ganzen Weſen
meines Vaters verwachſenen Eigenthümlichkeiten war meine Mut-
ter durch - eine genoſſene ſtrenge und ſorgfältige Erziehung, durch
ihr weibliches Zartgefühl und tactvolles, liebenswürdiges Be-
nehmen im Umgange vollkommen in Stand geſezt, mic< auf
alle Regeln aufmerkſam zu machen , welche ih im Umgange mit
Anderen, beſonders aber in meinem Benehmen gegen meine
Wohlthäter zu beobachten haben würde. „Laſſe ihn nur ge-
währen, mein 'Kind , das wird ſi< Alles ſchon geben“, mit
dieſen Worten fiel oft der Vater der ermahnenden Mutter in
die Rede, „der Junge wird ſich ſc den Verhältniſſe zu finden lernen, nur um's Himmels willen
keinerlei Zierexei, kein ſteifes , altkluges Thun und Weſen auf
Koſten der Natürlichkeit , möge ihm das Gepräge ländlicher
Sitteneinfalt nie* abhanden kommen." „Das fei ferne, fuhr
meine Mutter fort, daß meine Erinnerungen und Mahnungen
ihres Zwe>es ganz und gar verfehlen und unſeren Jüngſten
aus einem natürlichen , wenn auc) etwas ungehobelten, in einen
verfehrten und gezierten Menſ iſt mir auh gar nicht bange. Allein der überaus große Ab-

- *) Zur Zeit, als die völlig werthloſen Aſſignaten auch den Rheinbe-
wohnern aufgezwungen wurden, mate folgende wißige Anſpielung
allenthalben großes Glüc:
Von Lumpen wurde ic Von Lumpen an den Rhein gebracht,
' Von Lumpen nährten Lumpen ſich,
Und Mancher ward zum Lump durc< mich --
Nun rath' einmal, wer bin wol ti 1854.
Im Gegenſaße


ſtand zwiſchen den bisherigen Verhältniſſen , in denen er ſich
ſeither im väterlichen Hauſe bewegte, und zwiſchen denen, in
welche er eintreten wird , die vielen Rüſichten , deren genaueſte
Beobachtung ihm feine neue, ungewohnte Lage zur Pflicht macht,
veranlaſſen mich, ihm vor ſeinem Abſchiede no< Regeln einzu-
ſchärfen , die er gegen meinen Bruder und ſeine Frau nie aus
den Augen ſeßen darf, wenn er bei ihnen wol gelitten ſein
und uns Freude und feinen Verdruß machen will.
Dazu gehört aber Fügſamkeit im Allgemeinen, zunächſt in
die dort beſtehende Hausordnung und ſtrenge Unterwürfigkeit
unter den Willen des Oheims und der Tante, ein gefälliges,
dienſtfreundliches Zuvorkommen , und die Kunſt, ihre Wünſche
zu errathen , oder, wie man ſagt, an den Augen abzuſehen.
Die heilige Pflicht kindlicher Dankbarkeit gegen deine gütigen
Wohlthäter, die ſich deiner ſo großmüthig annehmen, wird in
deinem Herzen vernehmlicher jprechen , als es die Erinnerungen
und Bitten deiner Mutter zu thun vermögen.“ So mahnte mich
die Selige wiederholt, tief bewegt, und nicht ohne ängſtlichen
Bli> in die Zukunft. Jh habe mir erlaubt, dieſe Scene hier
mitzutheilen, um auf die Verhandlungen hinzuweiſen und die
Art und Weiſe, wie ſie im Familienrathe häufig in meinem
Beiſein gepflogen wurden.
Wie mir dabei zu Muthe war, wie die enigegengeſekten
Gefühle der Freude und Angſt in mir wechſelten, die unend-
liche Freude, in die größere Welt, in ein Gymnaſium einzu-
treten und tüchtig lernen zu fönnen, auf der andern Seite
das beängſtigende Gefühl , in dem Hauſe vornehmer Leute le-
ben, unter der Aufſicht ſtrenger Zuchtmeiſter ſtehen zu müſſen,
gegen die ich fo viele Verbindlichkeiten zu beobachten hatte, das
Alles fann ſich derjenige vorſtellen, der ſich einen Augenblick
in meine bisherige Lage, in mein harmloſes, aber eng begränz-
tes Jugendleben im ländlichen, einfachen Pfarrhaufe zu verſeßen
vermag. . .
Das aber ſtand ganz klar vor meiner Seele, daß ih mich
in Alles, was die nächſte Zukunft mix bringen würde, undbe-
dingt fügen, daß ich meine Wünſche und Neigungen, meinen
Willen und vielleicht viele meiner bisherigen Gewohnheiten und
Bedürfniſſe aufgeben und mich ganz neuen, ungewohnten Ver-
hältniſſen und Zuſtänden unterordnen müſſe, ſollte anders der
ganze ſchöne Plan meiner Ausbildung und die Hoffnungen einer
glüflihen Zukunft nicht gänzli< ſcheitern. Mit der skonomi-
ſ fie konnten auF€; mit dem beßten Willen nichts für mich thun.
Sie di< alſo in die Welt und füge dich in's Unvermeid-
liche, rief mir eine innere Stimme zu im Einklange mit den
Verhaltungsregeln und rührenden Mahnungen , die aus treuem
Mutterherzen floſſen. Und ſie fanden einen guten Boden in
meinem findlihen Gemüte, das Vertrauen meiner Eitern in
jeder Hinſiht zu rechtfertigen, das ſah ich für meine Lebens-
aufgabe an. Au liegt fürwahr kein beſonderes Lob für mich -
in dem Zeugniß, daß ich mir in meinem ſiebenzehnten Lebens-
jahr ſhon einen gewiſſen Grad von Reife der Einfi

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