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Unzere consonanten leiden an gleich pedantischer ver-
vielfachung der zeichen, es ist, als ob pie der einfache
buchstabe genügen könne, immer noch ein andrer ihm als
Schlepp angehängt werden müsse. -- th ist überall falsch
in hochdeutschen wörtern. man musz tal teil tor tat
Schreiben, 80 gut wie tag teig toll taugt tugend und
nicht anders in- und auslautend mut rat wut gerade wie
gebet blut. die schreibungen thal theil etc. muth rath etc.
werfen unsre mundart aus ihrem angel und verwirren Sie
gegenüber allen geschwistersprachen.“ Nad ſeiner Rechtferti-
gung des einfachen f und s nach Vocalen troß kurzer, nicht
gedebnter Ausſprache , und des getrennten 8z ſtatt ß verwirft
Grimm die ſprachwidrige, regelloſe S men, wie Welker, Holßmann, Württemberger. So ficher
Grimm in ſeiner Sache iſt, ſo macht er doh von ſeinem Recht
in der Anwendung ſeiner wiſſenſchaftlihen Ergebniſſe nicht vol-
len Gebrauch. Er fürchtete, daß die Leſewelt, für einzelne
Beſſerungen der Screibung zwar empfänglich, durc< heftige
Erſhütterung des hergebrachten und feſthaftenden Brauc geſchre>t werden könnte. Er fand eine gewiſſe Beſchränkung
ratſam , da faſt jederzeit mäßige und allmälich vorgebrac geſtaltungen Eingang , überſpannte Abwehr gefunden hätten.
Gleiche Rückſicht auf die Macht der Gewohnheit und die Zähig-
feit derer , die vom alten Herfommen entwönt werden jollen,
macht auch uns behutſam bei Neuerungen in dieſen Blättern,
und auch wir ſuchen nur allmälich den Zopf zu kürzen , wäh-
rend die Jünger von Lachmann und die ganze Scule von Ph.
Wackernagel unbedenklich und friſchweg im Titus erſcheint. *)
Woran Grimm bei aller Nachgibigkeit denno< feſthält, wird
fich im Weſentlihen aus folgender Zuſammenſtellung ergeben :
Mut, vermuten, Gemüt, Blüte, Heimat, Zierrat,
Heirat, Rater, ratſam, Vorrat, verraten, Verräter,
Gerät, geriet, Rätſel, Unflat, Stul, fowol, wol-
feil, wolwollend, allmäli Verſtändnis, Verhältniſſe, muſte, bewuſt, beſte,
hieng, gieng, empfieng, alliterieren, ergibig, gül-
tig, Hülfe, manigfalt, dies Haus an ofner Straße,
Heſſen, Verfaſſer, läßt, läſſig, Nachlaß, abgefaßt,
beſaß, daß; muß, außen, aßen, Fleiß, groß, Loß,
Fuß, Fluß, Füße, Flüſſe, Moriz, Sc Sc dig, Maßſtab, Samlung, ſammeln, im einzelnen,
herſ In Bezug auf die Theilung der Arbeit muſte jeder der
Brüder beſtimmte Theile des ganzen auf ſich nehmen und in
allen Kreiſen dieſer Theile fich ungeſtört bewegen, nachdem vor»
her im Großen ein gemeinſamer Plan entworfen und feſtgeſtellt
war. Jakob Grimm vergleiht ſih und den Bruder mit zwei
Köchen , die na; Wochen ſich ablöſend vor den nämlihen Herd
treten und gleiche Speiſe in gleihem Geſchirr zubereiten ; möch-
ten die Gäſte ſelbſt merken , wo man ſalze, der andere zu ſcharf, hoffentlich werde keiner anbrennen
laſſen. „Die erste woche Sollte mein sein. als der anfang
des werks bevorstaud , Sagte ich zu Wilhelm: “ch will A

*) Wir ſahen dieſe Tracht gern an einigen unſrer wa>eren Mitarbei-
ter, 3. B. in Nr. 20, 45, 54, 94, und haben ſie nicht anders
gefleidet.
*) „von h&r = hehr, nicht von herr, d. i dem comparativ des-
Selben h&r = ahd. beriro.“
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nehmen, nimm du B.“ “das kommt mir zu bald“, versetzte
er, “lasz mich mit D beginnen.“ dies Scheint höchst passend.*
Wie die Vorrede bedeutſam beginnt, fo ſchließt ſie noh er-
greifender mit folgender Anſprac leute, welches reichs , welches glaubens ihr Seiet, tretet ein
in die euch alen aufgelhane halle eurer angestammten , ur-
alten Sprache, lernet und heiligt Sie und haltet an ihr, eure
volkskraft und dauer hängt in ihr. noc2 reicht sie über
den Rhein in das Elsasz bis nach Lothringen, über die
Eider tief in Schleswigholstein, am ostscegestade hin nach
Riga und Reval, jenseits der Karpathen in Siebenbürgens
altdakisches gebiet. Auch zu euch, ihr ausgewanderten
Deutschen, über das Salzige meer gelangen wird das buch
und euch wehmütige, liebliche gedanken an die heimats-
Sprache eingeben oder befestigen , mit der ihr zugleich un-
Sere und euere dichter hinüberzieht, wie die englischen und
Spanischen in Amerika ewig fortleben,“ Die nächſten und
lezten 6 Blätter geben das nhd. Quellenverzeihnis und Erklä-
rung der Abkürzungen. =- Gott wolle die rüſtigen Arbeiter auf
der von ihnen gebro K
+
2) Germaniens Völkerſtimmen , Sammlung der deutſchen
Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mähren , Volkslie-
dern 1. ſ. w. Herausg. von Joh. Matth. Firmenich.
IT. Bd. Erſte Lief. (18. Lief,) Berlin, Schleſinger,
1854. YIH und 80 S. hoh 4.
Ueber die früheren Hefte vgl. A. S. Z. 1852, Nr. 92; 1853 Nr. 63).
Der mit dieſem Heft beginnende 3. Bd. bringt „Exrgän-
zungen zu den deutſ 567 deutſche Gebiete , Städte und Orte ihre Bauſteine zu die-
ſem Nationaldenkmal geliefert. Selbſt in weit vom deutſchen
Mutterland entfernten deutſchen Stämmen und Anſiedlern hat
das zum Erkennungszeichen aufgepflanzte Sprac<-Banner warme
Gefüle dex Stammverwandtſ wet, ſo daß wir hier auch frieſiſche Stimmen von der Injel
Amrum und Wangeroge vernehmen und demnächſt vlämiſche,
holländiſche, norwegiſche und ſchwediſche Lieder zu erwarten ha-
hben. Nur Dänemark will ſein germaniſ oder für erhobnen Chorgeſang der gotho-germaniſc „Deutſ Würde zu nahe tretend eifrig von fich wegſtößt. Dagegen iſt
es eine erfreuliche Einwirkung dieſes germaniſchen Nationalwer-
kes und feines verdienſtvollen Begründers, daß auf ſeine An-
regung hin der Präſident der franz. Republik, Louis Napoleon,
im I. 1852 die Samlung und Herausgabe aller franz. Volks-
lieder , die für die Geſhi reihs von Werth find, angeordnet hat. Tritt durc< Erweite-
rung dieſer Samlung demnächſt ein Werk dem unſrigen zur
Seite, das die Volkspoeſie der romaniſ faſſet, ſo würde wol auch der dritte Hauptvölkerſtamm Eu-
ropas, der ſlaviſ arten nicht lange warten laſſen und ſo der allgemeinen Sprach-
wiſſenſchaft, Literatur und Geſchichte ein weſentlißer Vorſchub
geleiſtet werden. Aus dem reihen Sprachſtoff der germa-
niſchen Mundarten die leitenden Geſehe, Kennzeichen der Eigen-
thümlichfeit der verſchiedenen Stämme, den Ausdru>F innerer
Anlage , Stimmung, Neigung und Bildung zu finden, furz die

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