3653
1) Die montane Vogelwelt.
„Die Bergregion beſißt in der Shweiz keine ganz
eigenthümlichen Vögelarten, die ni den Regionen der Nachbarländer vorfämen, und nicht viele
ſolche, die ni nen. Der größere Theil, namentlich der kleineren Vögel, hält
ſich abwechſelnd bald im Kreiſe der Hügel-, bald im Berglande
auf und ſucht beſonders im Winter gern die Felder, Forſte
und Büſche der Tiefländer und der mildern Thäler auf; - dem
Gebirge aber bleibt ihr Geſang, ihre Sommerluſt, ihre hei-
terſte Zeit. Wie reiche Herren, die im Sommer ihre Cam-
pagne beziehen, wirtichaften fie in ihren Bergwäldern. Jms-
mer iſt ihr Tiſc; gede>t, ihr Zweig bereit, ihre Kamerad»-
ſhaft aufgelegt zum Mithüpfen und Mitjubeln. Um dieſes
Jubeln iſt es eine eigne Sache. Keine Nachtigall flötet ihre
melodiſchen Weiſen, kein Sproſſer, kaum eine Grasmüe,
faum zur Seltenheit der treffliche Shwarzkopf =- und doch
tönen die Berge und Wälder wieder von fröhlichen Concerten,
Guter Wille und ſprudelnde Lebensluſt erſeßt freilich oft den
angebornen Wolklang und die ſchöne freie Kunſt.
Schon ehe die roſigen Morgenwölfhen das Nahen der
Sonne verkünden, ja oft ehe noch im Oſten nur ein lichter
Hau lim am blauen Nachthimmel ſchimmern, beginnt von einer al-
ten hohen Tanne ein leiſes Kollern; dann folgen einige ſc zende klappende Töne, die immex ſchneller hervorſprudeln, =
dann der Hauptſhlag und endlich ein langer Faden weßender
Ziſhtöne. Der Urhahn falzt. Mit verdrehten Augen tanzt
und trippelt er auf feinem Aſte herum ; unter ihm ruhen fried- ,
lich die Hennen im Gebüſch und ſehen andächtig den närri-
ſchen Kapriolen des hohen Gemals zu. Nicht lange treibt er
jein Weſen allein, Etliche Rohrſänger im nahen Riede haben
ſhon von Mitternacht an ihre Weiſen geübt und werden um
ſo eifriger, als die Sonne jeßt naht. Da erwacht die Amſel,
ſchüttelt den Thau von ihrem ſchwarz glänzenden Gefieder, weßt
den Sh baum. Sie wundert ſich faſt, daß der Tag ſ Merung Herr wird und der Wald no dreimal ruft fie über die Bäume hin, hinüber an die andere
Bergwand und hinunter in's Thal, über deſſen Bachadexr ein
paar dünne Nebelſtreifen fich hingelegt haben. Dann flötet fie
mit Macht und Feuer ihre metallreihen herrlichen Strophen,
bald in munterm Humor, bald in tiefen, klagenden Lauten.
Raſc< erwa zuerſt naM der Amſel hören mir häufig den melodiſchen Lo&-
ruf des Kukuks dur< alle Wälder. Dünne, bläuliche Rauch-
ſäulen erheben fich ferne in der Tiefe aus den Kaminen der
"Dörfer 3 von den Gehöften bellen hin und wieder die Hundez
eine Kuhgle>e ertönt; alle Vögel erheben ſiß aus ihren dun-
keln Büſchen , von der Erde, aus den Felſenz3 alles eilt in
die Höhe hinauf, den Tag und die Sonne zu ſehen und die
gute Mutter Natur zu loben, die ihnen wieder das freudige
Licht geſandt hat. Wie manches kleine, arme Vöglein lebt
fröhliM auf und hat eine bange und angſtvolle Nacht hinter
fſiH! Cs jaß auf feinem Zweige, den Kopf in's kuglige Ge-
ſieder gedrüst, als im Sternenſcheine ein Waldkauz mit lei-
jem Fluge durc< die Bäume flog und ſich eine Beute wählte,
Der Steinmarder kam vom Thale her, das Hermelin aus den
Felſen, der Edelmarder hexunter aus ſeinem Cichhornnef ;
964
dux< die Büſche war der Fuchs gegangen z alle hatte es ge-
ſehen. In der Luft, auf dem Baum, auf dem Boden hatte
das Verderben gelauſcht 'viele traurige Stunden lang. Angſt-
voll hatte es geſeſſen und fich nicht zu regen gewagt und ein
paar junge Bucenblätter hatten es geſchüßt und verſteät,
Wie hüpft es jekt hervor und lobt die Sicherheit des Lebens
und den Shuß des Lichtes! In klaren, kräftigen Schlägen
ruft der Buchfinke, in hellen Strophen das Rothkehlhen von
dem Wipfel des Lärhenbaumes, der Weidenzeiſig im Erlen-
buſ<, Ammer und Blutfink im Unterholz des Vorwaldes.
Und dazwiſchen trillert der Hänfling , kollert die Tann - und
Blaumeiſe , jubelt der Diſtelfink, quikt der Zaunkönig , pipſt
"das Goldhähn Aber alle übertönt des Miſtlers kräftige Stimme, die melodi-
ſchere Weiſe der Baumler Singdroſſel, Welch? ein Morgenconcert in den grünen Hallen!
Iſt es nicht tief empfunden, was ein altes Volkslied ſagt :
Wo iſt euer Koh und euer Keller,
Daß ihr jo wohlgemut !
Ihr trinkt kein'n Muskateller
Und habt jo freudig's Blut.
Wohin geht dieſes Dichten,
Du edles Federſptel,
Als daß wir uns auch richten
Nac) unſerm End und Ziel.
Zn Cine Weiſe und mit Einem Ausdrus iſt es nicht zu-
jammenzufaſſen dieſes unendliche Waldconcert, Es variirt nicht
nur jeden Augenbli>, ſondern faſt alle Schritte weit iſt es
ein anderes. Bald überwiegt das Gezippe der Kohlmeiſen,
das Geplapper der Staare, bald tönt der Finkenſchlag vor,
bald der Droſſelgeſang, bald hört man nur das Gehämmer
der Spechte und ihren rollenden Lo&ruf, oder das Gerätſch
der Häher. Dann ſc Lüſten ſchreit der Taubenhabicht ſein heiſeres, hungriges „gia,
=- gia“, und im AugenblisF ſißen die Sänger im tiefen Laube
und duden fiz nieder in's Gezweig. Der Morgen vergeht in
Geſang und Flucht , Inſekten -, Beeren- und Samenjagd und
fröhlihem Herumtummeln; der hohe Mittag iſt die ſtillſte
Waldzeit. Nur wenige unermüdlihe Sänger und die kleinen,
die nichts Ordentliches können, die ewigen Chorusmacher der
ächten Singvögel, find durc< die Wälder hin zu hören. Erſt
gegen den Abend erwacht der Sängerchor partienweiſe wieder
zu neuem Leben, aber nicht mit dex Friſ Morgengejänge ; das Vorgefühl der Nacht wirkt ganz anders
als das des Tages. Die Nacht wird nicht gefeiert ; der Abend-
geſang gilt der ſcheidenden Sonne, den glühenden Bergen,
der warmen lebenduftigen Landſchaft. Einer nach dem andern
geht zur Ruhe; am längſten bleibt die wac<, die am Morgen
die erſte Sängerin war, und no< lange, wenn die Sonne
jHon gejunken iſt und das Licht des Tages mit dem Schatten
der Na klingen ihre tiefen Klagetöne einzeln, abgebrochen dur< die
Tannen und gehen nicht ſelten in ein häßliches, dämoniſches
Krächzen und Kreiſchen über, dem etwa ein verlorner, ver-
ſpäteter Kukuksruf oder Rohrvogelſhlag noc< allein zu ant-
worten jheint, bis fern in den Felfenſchlu Finſterniſſen des alten unbetretenen Hochwaldes eine alte Ohreule

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.