Allgemeine Schul-Zeitung,

Donnerstag , 26. October
135
59 4.
NM 128.

Pädagogiſche Briefe.
(Vergl. Allg. Schul-Ztg. 1854: Nr. 35, 104, 103.)
zu
2.
Eine ſehr intereſſante Betra Temperamente des Meniven. Es iſt höc belchrend, zu beobachten, wie die Natur die Menichen von
Kindheit auf verſchieden gebildet hat und wie dieſe fünffache
Verſchiedenheit troß der mannigfaltigſten Werhältnifje, troß
Stand und Erziehung, Alter, Geſchleht und Gewohnheiten
immer wieder ſo klar und entſchieden dur perament iſt die den Menſchen von der Mutter Natur als
Erbtheil und Mitgabe verliehene Eigenthümlichkeit ; es iſt
gleichſam die Farbe der Seele. Sowie es nach der Hautfär-
bung fünf Menſc rothe und weiße, jo gibt es auch fünf Seelenraſſen, nämlich
Naturen, die ſich entweder mehr auf die Seite der Empfin-
dung vder des Willens, des Verſtandes , der Phantaſie oder
der Vernunft hinneigen, ſo daß dieſe Seiten oder Richtungen
des Geiſtes vorherrſchend werden. Db dieſe Unterſchiede mehr
förperlic ſucht zu werden; es reicht hin, daß fie vorhanden und daß
ſie angeborne, mit auf die Welt gebrachte ſind.
Sc li anlaſſungen, je na< ihrer Eigenthümlichkfeit , verſchieden be-
nehmen 3. B. bei Sterbfällen , in Noth und Gefahr, in der
Liebe oder wenn Jemandem unerwartet ein großes Glü& zu
Theil wird. Auch unbedeutende LebenSsereigniſſe, z. B. kleine,
ärgerliche Widerwärtigkeiten find nicht ſelten genaue Gradan-
zeiger Der verſchiedenen Temperamente. Nehmen wir z. B.
an, daß eine Thür nicht gut zugeht, weil die Feder am
Sc greifen und einſ oder drei vergeblich wiederholten Verſuchen die Thüre zuwer-
fen, daß ſte in den Angeln bebt und das ganze Haus ſc<üt-
tert, ohne daß übrigens dadurch der Zwe& erreicht wäre; das
iſt der Cholerifer. Ein Anderer wird die Sache fünf-,
ſe einmal verfuhen, ohne aber den Grund des Mißlingens zu
erforſchen 3 er kann nicht begreifen, woher ihm dieſe Wider-
wärtigkeit kommt; das iſt der Melan dem die Sache ſehr heiter vorkommt, wirft die Thür auc Ende zu und es kümmert ihn wenig, daß ſie nicht ſchließen
will ; das iſt dex Sanguiniſche. An dem, welcher bedächtig
das Zumachen unzähligemal wiederholt und am Ende auf den
Gedanken kommt, es müſſe wohl irgend etwas am Schloß nicht
richtig jein, was er aber gleichwohl auf fich beruhen läßt, er-
kennen wir den Phlegmatiker. Aber erſt dem Vernünſ-
tigen, dem Fünften, gelingt es ſogleich: er fieht mit einem
Bli, wo der Fehler liegt; behält den DrüFer in der Hand,
und läßt ihn ruhig in's Schloß Jallen.
Nach den vorausgegangenen Betrachtungen iſt es nicht
ſchwer, die 5 Temperamente, welche mit den 5 Formen des
Seelenlebens in genaueſter Beziehung ſtehen, zu laſſificiren.
Sie ſtehen aber ſo
Temperamente:
Das geniale oder nervöſe
1
das ſanguiniſche 5
O2
oo
das phlegmatiſche


das Das Temperament iſt, wie erwähnt, eine angeborne, von
der Natur mitgegebene Färbung, in welcher die eine oder die
andere Form überwiegt oder beſonders accentuirt fich ent-
wickelt, 10 daß ſie dem Ganzen eine gewiſſe, leicht erkennbare
Stimmung gibt.
Das melancholiſche Temperament (5) dur< ſeine tiefe Innerlichfeit und Paſſivität. Menſchen von
melancholiſchem Temperament (niht mit Melan ſinn zu verwechſeln) haben eine fehr zarte Reizempfänglichkeit,
ſind fein organiſirt für alle (Cmpfindungen , heitere wie trau-
rige. JIhre Seele bietet gleichſam dem Strom der Eindrücke
eine viel größere Fläche dar , als bei anderen Naturen. Die
Fühlfäden ihrer Empfindung find viel zahlreicher und feiner
geſponnen, als bei anderen Menſchen, daher jie auch für eine
große Menge von Dingen empfänglich ſind, die Andere nicht
im Geringſten affieiren, oder die ſie nicht einmal wahrnehmen.
Das Clement dieſer Naturen iſt die Empfindung , ſie haben
gleichſam eine ungemein reizbare Hülle um fich und es gehen
die übrigen Formen des Seelenlebens im Empfinden auf,
wie alle andern Sinne in den Empfindungsorganen, in der
Haut bei den Mollusken. Dem melancholiſchen Temperament
unterworfene Menſchen leben aber vermöge dieſer Dispoſition
mehr in fiß hinein (während z. B. im Gegenſaß Dazu der
Choleriker mit Wort und That aus fich herausgeht); fie haben
dur< die zahllofen Cindrü>e, die fie fortwährend aufzunehmen
veranlaßt find, behindert, nicht die Kraft der Reaction gegen
diejelben. Sie erſcheinen daher na ſ ſieht, wie tief ſie etwas kränft, wie denn auch eine glüliche
Seelenſtimmung bei ihnen mehr als eine ruhige Heiterkeit ex-
ſheint. Nur Choleriker pflegen laut zu lachen oder zu ſchim-
pfſen , nur Sanguiniker in Schmerz und Freude ſi< heftig zu
geberden ; der Melancholiker iſt viel ruhiger. Außerdem iſt er

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