Die Chemie und die Schule.
Von Dr. Friedr Sc Ehe wir über Scödler's neueſtes , bei Bro&haus in Leip-
zig ſv eben erſchienenes Werk: „Die Chemie der Gegenwart“
(ſ. A. S. Z. Nr. 130) eine wiſſenſchaftliche Beurtheilung brin-
gen können, wird wol der Mond über unſern Häuptern ſein
Licht noH mehrmals wechſeln. Wir wollen deßwegen, um un-
fexe Leſer mit des Buches Zwe> , Inhalt und Ausgang bekannt
zu machen, vorläufig denſelben eine Ueberſiht des Gangs, den
der Vf. nimmt, und die für die Schulgeſchichte und den Shul-
organi8mus beſonders bedeutungsvolle Widmung und lette ECr-
örterung wörtlich wiedergeben und hoffen, die Kritik eines
Sachkenners nicht ſhuldig zu bleiben.
Nach der Einleitung in das Buch, S. 1--4, werden die
Grundzüge der Chemie auf den nächſten 120 S. behandelt,
folgt ſodann die Entwi>elungsgef --176, die Chemie und die Wiſſenſ Chemie in ihrem Einfluſſe auf Kunſt, Gewerbe und
AFerbau S. 242 -- 339, endlich die Chemie und die
Schule S. 340--347. Die Widmung iſt folgende:
„Seinem hochverehrten Lehrer u, Freunde Juſtus v. Liebig.
Wenn inmitten der vielfachen und bedeutſamen Huldigun-
gen, welche die dankbare Gegenwart Ihnen gewährt , auch
dieſer kleine Bruchtheil von meiner Seite hinzufommt , jo darf
ich wol hoffen , daß demſelben jene wohlwollende Aufnahme
nicht verſagt werde, die Sie aufmunternd dem Strebenden ſe-
derzeit zu Theil werden ließen.
Indem ich der von dem Hru. Verleger an mich ergangenen
Aufforderung: „Dem größeren Publicum eine Darſtellung der
„Chemie der Gegenwart" in ihren Grundzügen und in ihren
mannichfaltigen Beziehungen zu geben", nac< Kräften zu genü-
gen verſuche, drängt fig mir vor allem das Bild Jhres Wir-
kens , Ihrer Erfolge, Jhrer Shule in den Vordergrund,
Die Ergebniſſe hiervon ſind längſt zur allgemeinen Kenuts-
niß gefommen, ſie ſind ein Gemeingut geworden. Allein nur
Wenigen fann die Art und Weiſe vertraut ſein, in der die
eigene Thätigkeit anregend von dem Mittelpunkte Ihres Selbſt
veripheriſch ſich weiter verbreitete. Jahrelang in Zhrer Umge-
bung und, ich darf es wol ſagen, Ihnen ein treuer Gehülfe,
hat fich vor meinen Augen das ſchönſte Verhältniß eines Leh-
ver8 zu ſeinen Schülern erfrenlich geſtaltet.
Nicht felten begegnet man in Sdriften, die dem Unter-
richts - und Erziehungsweſen gewidmet ſind, der Klage, daß un-
ſere höheren Lehranſtalten, im Vergleich mit früheren Zeiten
und mit anderwärtigen Anſtalten, 3. B. England's, zwar un-
verfennbar einen umfangreichern Stoff dem Lernenden zuführen
und auch beibringen, daß dieſes aber allzu fehr auf Koſten der
eignen freien Thätigkeit der Letzteren geſchehe, daß die felb-
ſtändige Entwi>elung der Indivpidnalitäten ungemein beeinträh-
tigt werde , daß Überhaupt das Wiſſen unverhälinißmäßig ge-
ſteigert erſheine, im Vergleiche zum Können.
Im Gegenſaß hierzu erhebe im geradezu die Anregung zur
Selbſtthätigkeit , zur Anwendung des aufgenommenen Stoffs,
zur Uebung der geiſtigen Kraft und der hingebenden Ausdauer
in der ſchweren Kunſt der Beobachtung , als den hervorſtehenden,
als den folgereichſten Zug Ihrer lehrenden Wirkſamkeit. Das
reichſte Wiſſen , die umfaſſendſten Kenntniſſe =- es ſind tkodte
S4 äße und vergrabene Pfunde, ſolange ſie nicht durc) den
Zauber befruchtender Ideen gehoben und in Fluß gebracht wer-
den. In welchem Maße Ihnen dieß gelungen, bezeugen die
Reihen von Arbeiten und Arbeitern, die aus Ihrem Laborato-
rium hervorgegangen ſind. :
Vorzüglich ſ<ön geſtaltete ſich jedoch dieſe Ein- und Wech-
ſelwirkung zwiſchen dem Lehrer und Lernenden, indem Sie ſtets
geneigt waren , den Schüler auc und bis zum Range eines Freundes zu erheben in dem Maße,
als derſelbe dur< Hingebung an die Wiſſenſchaft und Bewäh-
rung ſeiner Berufung fich deſſen würdig erwies.
So wurde Ihre Schule zur Familie und dieſe erweiterte
ſim zur Gemeinde , die innig verbunden, jeht weit über alle
Länder zerſtreut iſt. So gewährten Sie in jeßiger Zeit das
ſeltene Beiſpiel eines Lehrers, wie es bewundernd aus der Blü-
tezeit der griechiſchen Wiſſenſchaft uns geſchildert wird --- eines
Lehrers, der nicht fern aus olympiſcher Höhe Orakel verkündend,
ſondern herabgeſtiegen erſcheint in den Kreis feiner Zuhörer ---
ihr Lehrer, ihr Freund!
I< aber, ho eine nothwendige Ergänzung einem Werke voranſtellen zu follen,
deſſen Zwe> es iſt, einen im einheimiſchen Leſerkreis in dasfelbe einzuführen.“
V. Die Chemie und die Schule. S. 340 ff.
Aber im ſtilſen Gemac< entwirft bedeutende Zirkel
Sinnend der Weiſe, beſchleicht forſhend den ſchaffenden Geiſt;
Prüft der Stoffe Gewalt, der Magnete Haſſen und Lieben.
Folgt dur< die Lüfte denn Klang, folgt dur< den Aether dem Stral;
Sucht das vertraute Geſe in des Zufalls grauſenden Wundern,
Sucht den ruhenden Pol in der Erſcheinungen Flucht.
Schiller.
„Jeder, der die Bedeutung der Chemie nach ihren verſchie-
denen Richtungen zu verfolgen und zu würdigen vermag, wird
gewiß auch wünſchen und ſtreben; daß dieſe Wiſſenſchaft dur
den Unterricht zu einem möglichſt weit verbreiteten Gemeingut
gemacht werden möge. Bei jedem Gelehrten und Künſtler fin-
den wir ſa einen gewiſſen Enthuſiasmus für fein Fach, der ihn
zur Mittheilung, zum Eindringen auf ſeine Umgebung gleich-
ſam nöthigt. Der Muſiker z. B. behauptet, daß auf die Har-
: monie und den Rhythmus der Töne die Grundlage der ganzen
menſchlichen Entwielung begründet werden müſſe, während wir
gleichzeitig einen Gymnaſtiker mit gleichem Eifer die Anſicht
verfechten ſehen, daß nur durc< die körperliche Uebung jene

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