Allgemeine Schul- Zeitung.

Donnerstag , 16. November
1854
„NM 137.

Ueber Vibelkunde in der Volksſchule.
Ein Vortrag bei einer Lehrerconferenz zu Hungen am 18. Sept.
1854 gehalten von R. Möbius, Pfarrer zu Traishorloff
und ordentlihem Mitgliede der Gr. Kreisſ zu Nidda.
(Sc Allein foll und kann denn auch die ganze heil. Schrift,
welche ſih uns nach dem Geſagten nicht bloß als die einzige
Offenbarungsquelle des Chriſtenthums, ſondern auch
als Gottes ewiges Wort dargeſtellt haben wird , geleſen wer-
den ? Bietet ſih denn auch in der Volksſchule die dazu nöthige
Zeit dar? Findet ſih denn nicht dazu au lim im A, T., was ohne Werth für das 3. B. die vielen und langen Geſchlechtsregiſter, die Anordnuns-
gen über den Tempeldienſt, die Prieſter u. f. w., Überhaupt
die ganze moſaiſche Geſeßgebung mit Ausnahme des Sittenge-
ſezes ? Ja, iſt ni was anſtatt das ſittlihe und leichter dasfelbe abzuſchwächen, wol gar zu zerſtören im Stande
wäre? =- Der erſte Einwurf möchte fih bald und lei digen laſſen, denn, wenn die Volksſ liche Anſtalt aufgefaßt, vorzugsweiſe die Aufgabe hat, das
hung zu fördern, ſo muß ſie aum alle hierzu führenden und
nöthigen Hilfsmittel in ihren Shoß aufnehmen, und gewiß wird
fi vollſtändigen , niht für die S ben berechneten religiöſen Unterrichte uns nac dem Geſagten
dargeſtellt hat, bei gehörig geordnetem Unterrichtsplane eine für
es zureichende Zeit finden laſſen. Was aber den weiteren Ein-
wurf betrifft, daß in dem A. Teſtament Manches enthalten fei,
was für das ihm ſogar entſchieden nachtheilig werden könne, fo möchte ich
in Bezug auf den erſten Theil dieſes Einwurfs bemerken , daß
gar Vieles in dem A. T. auf den erſten Bli wol für das
Verſtändniß unweſentli< erſcheinen kann, aber bei tieferer Bes-
trachtung do< weſentlih iſt, 3. B, die Tempeleinrihtung und
die Opfer, ohne deren gründliche Kenntniß Vieles im N. T.
ganz unverſtändlich bleiben würde. Findet ſi< aber Einiges
beim Leſen, was wirklih unwichtig wäre, wie z. B. ein Theil
der Geſhlechtsregiſtex, fo kann man es ebenſowol lejen, als
' au< weglaſſen. In Hinſicht aber auf den ſo oft zu hörenden
Einwurf, daß im A. T.-ſo vieles der Sittlichkeit geradezu Ge-
fährlihe enthalten ſei, das keine8wegs geleſen werden dürfe,
muß im no<“ etwas ausführlicher ſprehen. Es hat unſtreitig
viel zur Beförderung dieſer Anſicht Dinter's Schullehrerbibel
beigetragen , indem er bekanntlich die Stellen der heil. Schrift
in A, B und C claſſificirt hatte und zu der erſten Claſje die
Stellen re die, welche geleſen werden dürfen, und zu der dritten, die nicht
Abgeſehen aber davon , daß Dinter fo
Vieles zu B und CG rechnete, was nicht ungeleſen bleiben darf,
beruht au< dieſe ganze Einrichtung auf einer ganz falſ ſit von der heil. Schrift, als dem geoffenbarten Worte Got-
gelejen werden dürfen.
tes. In der heil. Schrift iſt nichts erzählt, was nicht eine
tief fittlihe Bedeutung und einen tief ſittlichen Ernſt hätte,
und, wenn namentli< das A. T. die großen Verirrungen und
ſ hüllt, fo geſchieht es niht, um damit die Sinnlichkeit zu rei-
zen, wie dieß in den modernen Romanen und Novellen unſerer
Zeit bald in verde>ter, bald in offener Weiſe geſ dern die heil, Shrift ſtellt dieſe Sünden als große Warnungs»-
tafeln für alle Menſ ſhreflihen Strafgerichte Gottes, welche ihnen nacfolgten.
Ein Lehrer nun, der mit feſtem ſittlichen Ernſte dieſe Sache
zu behandeln weiß, wird daher den größten Theil ſolcher Stel-
len ohne Anſtoß leſen laſſen können, fühlt er fic aber dazu
niht ſtark genug, oder iſt in einer Stelle in der Weiſe über
Fleiſhesſünden geſpro<ßen, daß es mit unſerer Ausdru>sweiſe
oder unſerem Gefühl von S ſie laut leſen zu laſſen, ſo mag er ſie überſchlagen. Allein
mit einem ſtillſhweigenden Darüberhinweggehen wird nichts ge-
wonnen werden, denn die meiſten Kinder würden dadurc<; nur
neugierig gemac ben, als die Überſchlagenen Stellen nachzuleſen. Auch iſt es
Pflicht für den Lehrer , wenn er zu einem richtigen Verſtänd-
niß der Shrift führen will, daß er auc< über dieſe Stellen
ſeinen Kindern gegenüber in ſachgemäßer Weiſe ſich erkläre,
und um ſo mehr, weil hier Shweigen mehr Schaden anrichtete,
als angemeſſenes Reden, Der Lehrer ſage daher geradezu, daß
er dieſe Stelle überſchlage , weil ihre Ausdrü>e nic unſern Anſichten von S ten, daß man daher ſolche Stellen nur für ſich leſen könne,
er zeige aber auch zugleih den Kindern die traurigen Folgen
und die ſ ſünden. Ueberhaupt halte man die Kinder nur nicht für halbe
Engel oder kleine Heiligen , denn oft, ebenſowol in der Stadt,
wie auf dem Lande, ſind fie mit den geheimen Sünden wider
das ſehsſte Gebot mehr bekannt, als man glauben ſollte, allein
es iſt auch für den Lehrer die ſchwierigſte Aufgabe, dieſe Sün-
den bei ſeinen Zöglingen kennen zu lernen, weil fie eben ge-
heime ſind.
Aber ſollte denn nicht dieſe Bibelkunde hauptſächlich für
den Geiſtlihen, und zwar beſonders in ſeinen Conſir-
mandenunterricht gehören? Gewiß wird der Geiſtlime ne-
ben dem Lehrer ſich dieſes Unterrichtes annehmen müjjen
und in dem von ihm wöchentli< zu ertheilenden Religionsun-
terrichte in der Schule wenigſtens einen Theil Übernehmen, al-
lein eine bloße Verlegung desfelben in den Conſirmandenunter-
richt iſt darum ſchon nicht möglich, weil bei dem großen Um-
fange des zu Leſenden die Zeit dazu in dieſem Unterrichte bei
weitem nicht vorhanden wäre,

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