Allgemeine Schul - Zeitung.

Samstag , 18. November 18
Ueber den Gebrauch der Bibel in der Schule.
Conferenzarbeit von K. Stra>, Pfarrer in Oberrosbach.
Wer wäre auf dem Frankfurter Kirchentag als auſmerkſa-
mer Zuhörer zugegen geweſen und hätie nicht das gründliche
und tief ergreifende Referat des Hrn. Generalſuperintendenten
Hoffmann zu einem Gegenſtande ernſten Nachdenkens gemacht ?
Was derſelbe über den rechten Gebrau< der Bibel in
Kirhe, Shule und Haus mit ſo tiefgehender Sacfennt-
niß und ſo reicher Lebenserfahrung bemerkte, follte wie von den
Geiſtlihen und Hausvätern, ſo auch beſonders von den Lehrern
beachtet werden. Gerade die Schule iſt es ja, welche am mei-
ſten dazu beitragen kann nnd beizutragen verpflichtet iſt, daß
Bibelſitte und Bibelleben unter dem Volke befördert werde. Es
bedarf aber kaum einer weiteren Begründung, daß in der evan-
geliſmen Kirche das Bibelleben mit dem Gedeihen und Jegens-
reihen Wirken der Kirche überhaupt auf's innigſte verbunden
ift. Es war ja gerade die Verbreitung der Bibel in der Lan-
desſprache , wodurch die Reformation ihren unglaubli< raſchen
Fortgang gefunden hat. Mit dieſem S der Hand konnten Luther und ſeine Genoſſen den ſchweren
Kampf mit dem Goliath, welcher der Wahrheit Hohn geſprochen
hatte, muthig unternehmen. Die Aufforderung: „Widerleget
mich aus der heiligen Schrift“, war der undur und Panzer, an welchem alle Angriffe und Drohungen wir-
kungslos zurüFpralleu mußten. Das einfache Wort: „Es ſtehet
geſhrieben", brachte noh eine ganz andere Wirkung hervor, als
das /7Vr05s 8 0 jemals bei denPythagoräern hervorbringen konnte.
Es war ja nicht die Autorität eines, wenn auch noh jo ſehr
geiſtig bevorzugten, mit Verſtand und Sharffinn begabten Men-
ſichen, auf wel torität Gottes ſelbſt, wodurc< jegliches Bedenfen und jeder
Zweifel daniedergeſ Spruche: „des Herrn Wort iſt wahrhaftig und was er zu-
ſagt, hält er gewiß." Pf. 33, 4. Weil die Schrift von Gott
eingegeben iſt und weil man dieſe göttlihe Eingebung als eine
zweifelloſe Wahrheit betrachtete, darum war fie auH „nüße
zur Lehre, zur Strafe, zur Beſſerung und Züchtigung in der
Gerechtigkeit." 2 Tim. 3, 15. 16. Es8 war die Autorität des
heiligen Geiſtes , welche der evangeliſchen Kirche bei ihrem Ents-
ſtehen eine feſte und unerſhütterlihe Grundlage gab. Man
glaubte der apoſtoliſhen Verſicherung: „Uns aber hat es Gott
geoffenbaret dur< ſeinen Geiſt." 4 Kor. 2, 10.
Wir können nun nicht umhin, unſere Bewunderung auszu-
drüen , wie in kurzer Zeit, indem no<ß vor wenig Jahrzehn-
den die Bibel als Ganzes au< dein meiſten Geiſtlihen unbe-
kannt geblieben war, eine jo ausgedehnte Bekanntſchaft mit
derſelben nicht bloß bei den Führern der Reformation , fondern
auch bei untergeordneten Perſonen und dem Volke ſelbſt gefun-
den werden konnte. Der Inhalt des göttlichen Wortes war der
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4. N 138.
Gegenſtand geſelliger Unterhaltung geworden; es waren auch
Laien aus dem Handwerkerſtande in Menge befähigt, die katho-
liſ Briconnet von Meaux, welcher den Grundſätzen des Evangeli-
ums ſich zugewandt hatte und dieſelben in ſeinen eigenen Pre-
digten vertheidigte , wiederum eingeſ ſtühle auf der unter ſeiner Aufſiht ſtehenden hohen S ſowie die Kanzeln den evangeliſ< Geſinnten entzog, waren es
ein Wollkämmer und andere Leute ohne weitere Bildung, welche
die Erklärung der Bibel unter ihren Glaubensgenoſſen Über-
nahmen und, weil ſie mit derſelben vertraut waren, auc< über-
nehmen konnten. Heinrich 11. von Frankreih wollte fich ein-
ſtens an der Verlegenheit einiger zum Tode verurtheilten evan-
geliſhen Bürger ergößen und ließ unter Andern einen Scnei-
der in den königl, Palaſt berufen. Ex meinte, derſelbe würde
den katholiſchen Prieſtern auf deren Einwendungen keine Antwort
zu geben im Stande ſein. Wie hatte er ſich getäuſ ſchlichte Mann war ſo bibelfeſt und bibelfundig, daß er gegen
alle Einwürfe Rede zu ſtehen vermo und dieſe Bekanntſ tig gerade den Hugenotten jenen Muth und jene Standhaftig-
keit verliehen , welche wir bei denſelben zu unſerer Beſ und zu unſerer Erhebung bemerken. So finden wir auch in
allen Zeiten und in allen Ländern, wo wir thatkräftiges reli-
giöoſes Lehen wahrnehmen, Liebe zu der heiligen S Vertrautheit mit derſelben. Wer dächte nicht dabei an die
Speneriſche Schule und Zeit im lieben deutſchen Vaterlande,
ſowie an die Kirche in Schottland und ſelbſt an ſo manche Fa-
milie in Js8land und Norwegen, welche ihre Kinder ſelbſt un-
terrichten muß und als einziges Lehrbuch die Bibel gebraucht?
Grube bemerkt von ſeiner Großmutter, einer einfamen und ar-
men Frau, fie habe bis in ihr hohes Alter Pfalmen, Stellen
aus Jeſus Sirach und beſonders aus den Evangelien im Ge-
dächtniß gehabt und bei allen Vorfällen des alltäglichen Lebens
in Anwendung gebra und unverwelklihe Geiſtesfriſche in ſi< bewahrt. *) So exin-
nert ſich wol jeder erfahrene Mann, ſol nen früherer Zeit mit ihrem unerſhütterlihen Gottvertrauen
und ihrem ernſten fittlihen Streben geſehen und gehört zu ha-
ben. Und wenn wir nach Beiſpielen uns umſehen, um Aus-
ſprüche zu beſtätigen, wie Pf. 119, 92: „Wo dein Geſeß
nicht mein Troſt geweſen wäre, ich wäre vergangen in meinem
Elend“, oder: „dein Wort machet mi< klug, darum haſſe ich
falſche Wege." Pf. 119, 104 und 105, oder: „Wie wird ein
Jüngling feinen Weg unſträflich wandeln ? Wenn er fich hält
nach deinem Worte.“ Pf. 119, 9 --- jo werden wir in be-
treffenden Sammlungen, wie „Heinrich's Segen der Bibel“,
volle Befriedigung finden. Auch haben Kapff und Ahlefeld in

+) Der Elementar- und Volksunterriht im Zuſammenhang von A,
W. Grube. Erfurt, Kerner, |

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