Allgemeine


Dienſtag , 7. Februar

Shakeſpeare in Schulen?
„Denn darum haben die Knäblein
Lehrmeiſter, damit ſie lernen, was rec aber die Dichter.“ *)
Wiewol Shakeſpeare vor allen Dichtern zum Führer durch
Welt und Leben gewählt zu werden verdient = von Erwacſe-
nen, ſo find doh nur wenige ſeiner 36 Dramen zum heilſa-
men Lefen in der Schule geeignet. Nicht hauptſächlich deſſwe-
gen , weil fi< ihre Fabel faſt durc anderen Geſchle dernen Dramen für die Schule Contrebande ſein =- ſondern
weil in Sh. eine zwiefahe Wahrheit, die des reinen und des
ſhmußigen Lebens, der edlen und der ſittlich gemeinen Geſin-
nung unverhüllt und durc<4 den kurzweiligſten Wiß hervorgebo-
ben entfaltet wird. Sh. ſpiegelt des Menſchen ganzes Thun
und Trachten ab, die Regungen ſeiner göttlihen, wie ſeiner
thieriſchen Natur , ſeine Zunge ſchreckt vor keinerlei Wahrheit
zurü& , ein Grundſaß ſeiner Praxis iſt: naturalin non Sunk
turpia. Der Geiſt des unmündigen Schülers iſt aber noch
nicht reif, die ganze Wahrheit aller Lebensverhältniſſe unbeſcha-
det feiner naturgemäßen Entwielung in ſich aufzufaſſen. Wie
nach einer alten Mythe Sterbliche niht die ganze Majeſtät dex
Götter ſ wie ein zarter Pflanzenſpröſſling nicht den ungebrochenenSonnenſtral
erträgt, jo müßte auch die Unſchuld und Harmloſigkeit der Ju-
gend in dem Strudel ſinnlicher Luſt und in den Tiefen menſch-
licher Verderbtheit, die in Shakeſpeares Spielen ſich vor uns
öffnen, erſterben , und die mit einfacher Nahrung zu ſtärkende
Seele und der allmälih zu umfaſſender Klarheit zu exziehende
Geiſt dex Jugend würde auf dem bunten Lebensmarkt der
Shakeſpear'ſ früh abfallende Treibhausblüte gerathen. Damit wird Shakſpeare
nicht kleiner, denn er hat nicht für die Unmündigen geſchrieben,
alſo auch nicht Juvenal's Mahnung übertreten : maxima debe-
iur puero reverentia !
Man hat den großen britiichen Dichter auch
Homer genannt.
den modernen
Und allerdings iſt dieſe Vergleichung treffend
in Betracht der großen Mannigfaltigkeit der bei Sh. vortreten-
den Perſönlichkeiten und geſchilderten Zuſtände , beſonders aber
der ſicheren , wahren Zeichnung ſeiner Charaktere, überhaupt
in Betracht des Bilderreichthumes und der Congenialität beider
Dichter. Aber ihre Verſchiedenheit iſt nicht minder groß und
jene Vergleichung hinkt auh inſofern, als der Eindruck einer
epiſchen , in die Vergangenheit zurücweiſenden Erzälung und
einer dramatiſ muß. Während den jungen Leſer Homers das Beiwohnen der
Götter und Menſ ſagenhaften Weſen aus längſt entſhwundener Zeit als etwas

*) Ariſtophanes, Fröſche, 1054; überſ, von F. G, Welfer,.
macht Sh. feine Leſer
Fremdartiges nicht ſinnekißelnd berührt,
und Zuſchauer zu Zeugen ſinnli< niedrigen Gebarens und Ge-
lüſtens. Seine Figuren ſind Fleiſch von unſerm Fleiſch, ſeine
Zuſtände faſt wie die unſeren. Da hilft nichts, daß die Un-
flätigkeiten ſeiner Wüſtlinge und die Rohheiten ſeiner gemeinen
Naturen zuleßt auch ihren Richter und ihre Strafe finden, daß
ſeine Falſtaffs und ſeine unentblödeten Weibsperſonen zu Sh den werden und unterliegen. Jhre vom genialen Dichter er-
gößlich vollendete Abſhilderung iſt für die Geſundheit dor Ju-
gend Gift, das, weil eindringlicher, daxum auch wirkſamer iſt, als
die Wiße des Kladderadatſch und die Karikaturen der fliegenden
Blätter. Damit rüt man in eine noch zu verhüllende Region
hinaus , greift einer ruhigen Entwickelung der Knospe vor und
erzieht zur Blaſirtheit (geiſtigem Stumpffinn) und zur Frivoli-
tät (dem Spiel mit dem Heiligen). Es ſind faſt nur Shafke-
ſpeare's Cäſar und Coriblan von jolchen Verleßungen eines ju-
gendlich - reinen Schamgefühles frei, und in jenen Dramen
treten uns auc< nicht geborne Römer, ſondern Engländer in
römiſ verbotene Apfel der Erkenntniß , deſſen zu frühzeitiger Genuß
die Schüler aus dem Paradies der Jugend treiben würde, Das-
gegen 8 unen Lehrer an höheren Schulen, in denen die poetiſche
Literatur des Alterthums und der Neuzeit als Bildungsſtoff für
die Jugend benußt wird, aus Sh. vielfache Belehrung ſchöpfen
und in ihm einen trefflichen Rathgeber, einen erheiternden und
tröſtenden Freund in vielen Lagen des Lebens finden. Da iſt
nicht leiht ein StüF , in dem der Erzieher und Lehrer , wofern
er ein ſcharfes Auge für Winke und ein feines Ohr für Regeln
hat, für ſein beſonderes Fa gar nicht vermuthen ſollte, begegnen ſie uns ungeſucht. So
mahnt, um nur Ein Beiſpiel zu geben, in dem reizenden Phan-
taſiegebilde „ein Sommernachtstraum“ König Theſeus zu Ge-
duld und Rückſicht bei wenig begabten Naturen mit den milden
Worten :
Was armer, will'ger Eifer
Zu leiſien nicht vermag, ſchätzt edle Nücſicht
Na< dem Vermögen nur, nicht nad) dem Werth.
und wird derſelbe ein Fürſprecher des liebevollen Herzens und
der beſcheidenen Ochücternheit : ;
Wann Lieb' und Einfalt ſich zu reden nicht erdreiſten,
Dann, dünkt mich, ſagen ſie im wenigſten am meiſten.
Den bezeichneten Lehrern und allen , die no< gern in die
Schule der Dichter gehen , wird nac) dem Geſagten wol damit
gedient fein, mit folgenden zwei förderlichen Werken näher be-
kannt zu werden.
1) Ueber Shafſpeare's religiöſe und ethiſche Bedeutung. Eine
praktiſ Gallen , Huber , 1858. 196 S. |l. 8.
Ein Geiſtlicher ſpri uns Allen, inſofern Shafkſpeare zur Kir

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