Allgemeine Schul-Zeitung.

Donnerſtag , 16. Februar
1854
NE 20.


Die Verbindung von Geographie und Naturgeſchichte
im Volksſchulunterricht.
Es iſt eine bekannte Sache, daß in Volksſchulen für die
Realien nicht viel Zeit übrig bleibt, und doh ſteht auf der an-
deren Seite feſt, daß dieſelben bei ihrer ſtets zunehmenden
Wichtigkeit notwendig in den Kreis des Volksſchulunterrichts
mit hereingezogen werden müßen. Was iſt da zu machen?
Der Lehrer muß ſoviel als möglich darauf .aus ſein , die einze-
len Disciplinen zu verbinden und dann ſowol in eigenen Stun-
den, als bei Gelegenheit der Leſe- und Auffagzübungen den
ſorgfältig ausgewählten Stoff zu verarbeiten ſuchen. Daß eine
ſol denſelben ſogar ſehr zu Gute kommt, mag folgende Probe zei-
gen, die wir nach den beſten Quellen ausgearbeitet haben.
Die Nordpolargegenden.
Unter dem Namen Nordpolargegenden begreift man jene un-
geheuern Stre>en von Land und Meer, welche zwiſchen dem
Nordpole und dem Feſtlande von Aſien und Amerika liegen und
unter denen die ſchreFli bis 4000 Fuß hohen Eisbergen, und das bereits im 10. Jahrhun-
dert durch Normänner entdeckte Grönland bis jezt am be-
kannteſten geworden find. Sie ſind der Wohnſitz eines faſt
ununterbrohenen Winters. Steigt auc< im Mai die Sonne
über den Horizont und ſtralt auf einige Zeit Gluthiße Über die
öden Felſen, fo behaupten doh bald Schnee und Eis ihr altes
Recht. Im Auguſt ſhon fängt es wider an zu ſ bald deft fußhoher Shnee den Boden. Es kniſtert und raſſelt
fortwährend in der Luft, wie wenn unzählige feine Nähnadeln
an einander ſtießen. Während dem ſind lange Eisfryſtalle vom
Ufer hinausgeſ zerbrach ſie klixrend, aber immer neue Cisſtralen wagten den
Verſuch, bis es ihnen gelang, ihr Net fertig zu arbeiten und
eine breite, di>de Eisde>e zu weben, unter welcher ſich das
Meer in vergeblihem Zorne emporhebt, um die hemmende Feſ-
fel zu ſprengen.
Da liegt nun Land und Meer unterſchiedlos begraben unter
Snee und Eis, furc Flechte , kein lebendes Weſen; Joweit aum der Blik irrt --
Tod, Ve.nichtung, lautloje Verlorenheit ins Unendliche. Aber
nun beginnt die Polarwelt alle ihre magiſhen Schönheiten zu
entfalten. Hunderte von Meilen dehnen ſich die Eismaſſen in's
offene Meer hinaus. Hier thürmen fie fim auf zu phantaſti-
ſc an: einem andern Ort bilden ſie einen gefrornen Waſſerfall, an
dem man deutli die Waſſerſtralen und die zurüFprallenden
Wellen erkennen kann. Wahrhaft feenhaft iſt das Leuten,
Jlimmern und Funkeln dieſer Eisgrotten und Eisruinen. Bren-
nende Stralen hüpfen von EisSza>e zu Eis8za>e , ſhmaragdgrüne
Lichter ſchlüpfen aus tiefen Spalten, neben ihnen gaukeln blaue
und gelbe Lichtfhimmer. Welch" Hüpfen , Haſhen, Aufſtralen
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und Verlöſhen, welcher Wechſel und welche nie ruhende Emſig-
keit dieſer Lichtblige! An jede Kryſtallkante klammern ſie ſich
an, klettern den Eiswaſſerfall herauf und herab, den Zauber
no< zauberhafter machend. Dazwiſchen kracht es unaufhörlich,
als ſpalte ſich die Erde; klirrend bricht hier ein Eisgewölbe,
dort ein Bogengang im Schneeſturm in Trümmer, von der
Kälte bald aufs Neue wieder aufgethürmt.
Den feenhaften Zauber der Polarwelt vollendet das N ord-
licht. Mitten über den Eisfeldern ſteigt eine ſc empor, aus der hier und dort ein langer Lichtſtral aufzu&t und
über den Himmel dahinſchießt. Dazwiſchen züngeln und ſpielen
rote , gelbe und blaue Flammen. Jeßt einen ſich die Stralen
zu einem Bogen, der ſich wie ein Diadem um den Horizont
legt. Die Flammen werden lebhafter, ſie fahren auf und ab,
verbinden ſich, trennen ſim, ſc vor, bilden durchbrochene Kronen , Lichtguirlanden, Thurmruinen,
entblätterte Wälder, umgeſtürzte Parks; denn raſtlos wogen
und ſ die ganze Erſcheinung, aber gleich zuFen neue Stralen empor,
ein neuer Lichtbogen bildet ſich; auch er erliſcht plößlih, um
einem dritten Plaß zu machen, der widerum ſeine blutroten,
ſchmaragdgrünen , himmelblauen und goldgelben Stralen ſpielen
läßt, bis das ganze Zauberſpiel in einigen Minuten im Duns-
fel der Nac Worhen lang fortdauert.
Man ſollte meinen, daß in dieſer Reſidenz eines faſt ewi-
gen Winters, dieſen bei allem Zauber des im Eiſe gebrochenen und
reflektirten Lichtes doh düſtern, ſ zen und Thierleb en unmöglich wäre! Aber mit Nichten. Gleich
in den erſten Sommertagen entfalten eine Anzahl Blumen ihre
glänzenden Blätter. Die Ranunkel und die Anemone ira-
gen ihre reihen und verſchiedenartigen Farben zur Shau; meh-
rere Arten des Steinbre gelbe Mohn bleibt niht zurüs. Kryptogamen ſind in reicher
Fülle vorhanden. Riefſentange bilden im Meere ungeheure
Waldungen, Mooſe und Flechten bede>en überall die Feljen.
Im UVeberfluß wachſen Schwämme und Farrenkräuter,
und alsbald na< dem Thauwetter füllen ſich die füßen Gewäſſer
mit Algen, Eine häufig vorkommende Art derſelben (Proto-
coccus nivalis) iſt blendend rot, wächſt mitten im Schnee
und giebt demſelben eine blutrote Farbe.
Samen von bei uns einheimiſchen Pflanzen , beim Beginn
des kurzen, lißten Sommers in den Polarländern geſät, treibt
raſc< empor, die jungen Pflänzchen erliegen aber gar baid dem
rauhen Klima. Fichten , Tannen, Lärchen und ndere Bäume
widerſtehen lange der Kälte , geſc<ükßt dur< einen dien, feſten,
beinahe zähen Saft, der ihnen die innere Wärme erhält; aber
näher dem Nordpole nimmt die Vegetation ab und finkt herab
zu magerem, krüppelhaſtem Geſtrüpp , welches kaum ein paar
Fuß ho wird jedom durc< das Treibholz erſetzt, welches die Fluten vom
benac

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