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jekigen dieſem falſchen Geſe nachgibt, verbreitete ſich ſeit
den Freiheitsfriegen eine Reaction gegen dieſen Unpatriotis-
mus, die in ihrem Urſprung berechtigt, doM bald, wie faſt alle
Reactionen, alles Maaß überſchritt. Abgeſehen von den unge-
ſc tion die wirkliche Anſäſſigmachung der berechtigten Fremdwör-
ter. Wir beſigen nun troß alles Widerſpruches eine Maſſe
Fremdwörter, aber ohne organiſchen Verband mit unſerer Sprache,
Das iſt aber ein unberechenbarer Schaden. Nicht daß wir
Fremdwörter aufgenommen haben, iſt verderblic<, ſondern daß
wir dieſelben mißhandelt, ohne alle deutſche Erziehung gelaſſen
haben, das iſt das Verderbliche. Den Wortſtoff konnten wir
re vaterländiſch ſein, wir mußten es wagen, die Münze einzupräs-
gen. Nun ſtehen aber die formloſeſten, ungefügigſten Wort-
Barbaren mitten in unſerer Sprache. I< erinnere an: Amphi-
bium, Examinatorium, Conſiſtorium, Ephorus , Hofmedicus,
Tempus, Rheumatismus, DObſcurantismus , Lexikon , Kata-
plasma 2c,, bei welchen man zunächſt um den Plural ſehr ver
legen iſt. Andererſeits ac ton, Pardon, Baſſin 26. , wodur<; Laute in unſere Sprache
eingeführt werden, die fonſt bloß dialektiſch exiſtiren (naſales n),
Oder: Journal, Jalouſie, Jaconet, Jus, Jean, wo wir mei-
nen, franzöfiſm; auszuſprehen, der That nag aber recht derb
deutſch ziſ correct ſpreßen oder niht, wenn wir Plurale bilden, wie:
Mottos, Lotto's, Drama's, Uhu's, Känguruh's, Harem's, Uiſti-
te's, Ai's, ſogar Hurrah's ? und daß nun ins Blaue hinein
nachgebildet wird: die Fräulein's, Lieutenant's , Capitän's,
wohl gar Damen*s, Lebeho lieber aus: Fremdwörter, wel Pluralform fügen, bilden ihren Plural durc< angehängtes 8?
Sehr zu beklagen iſt au< die Gewohnheit, die fremden
Verba lediglih mit der ungeſcten Nachſylbe iren, welche
durc< die Schreibung ieren um Nichts deutſ langſtieliger wird , herüberzunehmen. Welc vor, die an ſim ſ zu ſ umzubilden, Aber bei den meiſten ginge es do; wohl an,
und durc< ſolche Beiſpiele würde das verwöhnte Ohr des Pub-
lifums eher geheilt, Wenn man z. B, ſtatt photographiren
photographen, ſtatt germaniſiren vergermanen, ſtatt ruſſifiziren
verrufſen, ſtatt annexiren annexen, ſtatt draugſaliren drangſalen
ſagte , das ließe ſi; do< wohl verantworten. Dieſe Verba
würden dadurc<; auch eher poetiſch brau fremde Nachſylbe ſelbſt die Zwitterwörter halbiren, glaſiren,
buchſtabiren, hanthiren, hofiren 26. von dem poetiſchen Gebrauche
ausſchließt. |
Ein anderer Uebeljtand ſind die dakiyliſ<; endenden Fremd-
wörter, wel hängt hat, welches fich nicht einmal elidiren läßt, z. B. Fa-
milie, Lilie, Pinie, Folie, Prämie, Engländer und Franzoſen
haben ſich dieſe Wörter ganz anders zurec ijt no den, als' wäre „je“ geſchrieben, und daß auch die Dichter fo
zu reimen wagen. Mundgerec gerecht iſt, das muß die erſte Aufgabe bei der Behandlung der
Fremdwörter ſein, dem Formloſen Form geben die zweite, Das
Fremde aus Reſpect nur mit Handſchuhen angreifen, das iſt
der Deutſ 924
weichen, das fruchtet Nichts, . Darum lobe i< mir die „Rents-
ner"; der „Rentier“ (rentier) iſt mir zu franzöſiſch, das „Renn-
thier“ zu frwol, .
c) Der Schwindel in Ueberſezungen. Je zimper-
ſicher die Deutſ - deſto fecfer verfahren ſie beim Ueberſeßen. Die fremde Sprache
joll nicht verlezt werden, aber die eigne mit ungele>kten Bären
von Ueberfezungen zu bevölkern, das ſcheut man nicht, Die
ganze Sippſchaft der grammatiſchen Terminologie von dem
„Saßgegenſtand“ bis zu dem „Wobhinfalle“ redet Zeugniß
davon. Da ich mich anderswo ſchon weitläufiger darüber aus-
gelaſſen habe, ſo begnüge ich mich mit einer leinen Samms-
lung jolcher Fehlgeburten, wie ich ſie bei Sutermeiſter (drei
Sprachen. Zürich, 1859) ausgewählt finde: Natur = Zeuge“
mutter 3 Berſon = Selbſtand ; Masfe = Mummegeſicht; Naſe =
Geſichtserker, Löſchhorn : Affect = Gemüthstrift; Nonnenkloſter =
Jungfernzwinger; Lieutenant = Wahlhaupimann; Oberſtlieute-
nant = Schalt- und Waltobexſter ; Muskete = Schießprügel ;
Piſtole == Reitpuffer ; Pinſel == Malerquaſte ; Mantel = Wind»
fang; C ſelbſt iſt zuſammengeſtellt ? Artikel = Andeutex, Gattungsdeuter,
Geſchlechtswort , Einzler , Beſtandwort, Fäller, ſämmtlich nad)
bedeutenden grammatiſchen Autoritäten. Neuerer Zeit gehören
folgende Verſuche an! Offizier = Schalter ; Brigadegeneral ==
Spanhauptmann z Premierlieutenant = Wachtjunker; Souslieu-
tenant = Schichtjunfer; Kanone == Donnerbüchſe ; Batterie =
Zeugel ; Trompete == Scmettermeſſing ; Trompeter == Sc termeſſingswerker : Muſik = Tonwerkerei z Inſtrumentalmuſik ==
Klangmachwerkerei.
Vater Jahn hat au< ſolche Pröbhen hervorgebracht; z. B.
Agent == Mögli Schriftſ Paradeplaß == Prachtplatz 3; Original = Urſelbſt; Traveſtie =
Drehnißz; Jronie = Mißrede 2. |
Aus den Übrigen Mittheilungen Sutermeiſters heben wir
no< aus: Gallerie == Langgangz; Commode == Breitſhrank;
Frac> == Stußro> : Oblate = Siegelteig ; Locomotive = Zieh»
wagen; Souffleur == Einſager; Bajonet = Gewehreiſen ; Re-
veille == Morgenklang; Doctor = Wißmeiſter; Detaeder =
Edling; Rhombendodekaeder == Knöchling 2.
Solche Schöpfungen bedürfen keines Commentars. Sie
ſind auch eigentlich nißt Schwächen der Sprache , ſondern
Schwacdheiten der Sprachmeiſter.
a) Das Uebermaaß der zuſammengeſeßten Wör«-
ter. Es muß allerdings als ein Vorzug unſerer Sprache
anerkannt werden, daß fie mit Leichtigkeit Zuſammenſeßzungen
bildet, aber der Vorzug ſ ſie übermäßige Anwendung davon mac<ßt. An und für fich
ſind ſhon Zuſammenſeßungen wegen ihrer Länge und Viel»
gliedrigkeit (8e8quipedalia verba) unſ<ön. Zum Reim find
ſie ſelten anwendbar. Dieß glei dadurc<* aus, daß ſie der deutſchen Sprache Spondeen zu Hexa-
metern verſchafft haben, Der Hauptmißſtand iſt aber, daß ſie
die Deutlichkeit ſtören, weil das Beſtimmwort meiſt in unſiche-
rer Beziehung zu dem Grundworte ſteht, Eine „Kinderſc iſt das eine Schrift von Kindern oder für Kinder ?“ Kindes-
ſiebe“, iſt das Liebe na gegen ein Kind? Wie ſich „Kindbett“ von „Kinderbett“ unter-
ſcheidet, iſt aus dem Worte ſelbſt durhaus nicht erſichtlich.
Ebenſo „Kindskopf und Kinderkopf, Kindtaufe und Kindertaufe,

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