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Kindesmord und Kindermord.“ Kein Fremder wird ſich aus
der Zuſammenſezung enträthſeln können, was „Finderleicht“
bed2uten ſoll, Nimmt er die Analogie von „federleicht“ zu
Hülfe, ſo geht er natürlich irre. Wie fich „Landmann“ von
„Landsmann“ unterſcheidet, wie „Landkultur“ von „Candes-
kultur“, „Landgeiſtlichkeit“ von „Landesgeiſilichkeit“, das ſiegt
auch nicht in der erſten Anſhauung, zumal da man nicht ein-
mal einig iſt über die Einſchiebung des s. Siller jagt
z- B. Landegenge, wo ſonſt Niemand anders, als Landenge
ſchreibt, Jean- Paul zweifelt, ob die Rathherren alle Raths-
herren ſeien und ob jede Herzſtärkung zugleich eine Herzens-
ftärkung ſein werde, Tritt nun die Zuſammenſezungjucht noh
mit anderen Suchten in Verbindung, dann enſtehen dieſe unge-
ſchlachten Wörter, wie ſie andere Sprachen ſchlechterdings nicht
aufzuweiſen haben, wie z. B. Pferde - Verſtellungs- Commiſ-
Fons-Sitkung , Oberappellationsgerichts-Secretariats-Regiſtra-
tor, Tag-und-Nachtgleich-Zeit, Duarzaberzwedling , Kupfer-
laſurkreuz-giebling, Sprachreinigungsvereinsehrenmitglied 2,
Die Zuſammenſeßungsſuht hat ferner zu entſchiedenen
Unrichtigkeiten geführt, indem man dem Beſtimmungswort At-
tribute zuſeßte, welHhe ihm der Natur der Sache nach nicht
gehören. Bekannt find der „braune und weiße Bierbrauer,
der wollene und baumwolſene Strumpfhändler, das goldne Ho zeitsfeſt, das heilige-Geiſt-Gaſthaus ; eine reißende-Thier-Samms-
lung, ein kölniſches Waſſer-Kiſthen“ 26, Kein Wunder, da
die „deutſche Sprachlehre" ſelbſt ein Fehler gegen die Gram-
matik iſt. Und dieſe unbeſonnene Ausbeutung des Rechtes
der Zuſammenſezung iſt dann ein Mitanlaß eines anderen
Vebelſtandes geworden:
ce) Der mangelhaften Ausbildung der Adjec-
tive. Es gibt, glaube im, keine gebildete Sprache, welche
jo wenig für Schöpfung und Ausbildung ihrer Adjective ge-
than hat, als die deutſche. Wie unſelig iſt ſhon die Gigen-
heit, daß die Stoff bezeichnenden Adjective nicht als Prädi-
kate gebraucht werden dürfen. Wenn eine Cpiſtel noc ſtrohern, eine Zeit noch ſo eiſern, ein Herz no< jo ſteinern
iſt, foll man doH nicht ſagen: Das Da iſt ſtrohern, der
Pflug iſt eiſern, die Bank iſt ſeinern. Der goldne Ring iſt
niht golden, ſondern von Gold. DoH muß man geſtehen,
hier ringt die Sprache nac< dem Beſſeren, und wir Schulmei-
ſter ſollen ihr dabei hülfreich ſein. Deßgleichen ſoll man wenig-
ſtens nach Be&er*s Schulgrammatik nicht ſagen dürfen: Der
Flug der Eulen iſt nächtlih, die Ablöſung iſt ſtündlich, die
Verſiherung war mündlich, der Tumult war anfängli<. ſon-
dern ſoll ſih mit „geſchieht“ oder „geſchah" helfen. Bei dor-
tig, heutig 2. iſt es allgemeiner anerfannt, da tritt aber das
Recht der Exiſtenzial-Säße ein. Denn man ſagt: Die Ver-
ſammlung iſt heute, iſt dort 2c. Beer verbietet auch zu jagen:
Die neulihe oder kürzliche Unterredung, die gemeinigliche Aus-
rede, der theilweiſe Widerſpru<, Do theilweiſen Widerſpruch erfahren. Nur bei „ſ er Recht behalten. Daß man „bereit, brach, feind, gäng und
gebe, getroſt, gram, heil, kund, leid, nuß, ſchuld" nicht attri-
butiv gebrauchen kann, iſt kein ſo arger Schaden, Daß aber
auch „quer“ dazu gezählt wird, iſt do< ein querer Ge-
danke.
Schlimmer, als alle dieſe Fälle, iſt die Härte der Endung
iſc<, wel tive abſchre>t. Der linkiſhſte Menſ Schrift, das find Beiſpiels von Härten, die -Jeder gern ver»
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meidet. Dazu kommt, daß dieſe Adjective keine Suftantiv-
Ableitung zulaſſen. Wie förderlih wären uns Bildungen,
wie: Linkiſchkeit, Aufrühreriſchkeit, Gleißneriſchkeit. Jeßt müſ-
ſen wir untreffend ſagen : Linkiſches Benehmen, aufrühreriſches
Verhalten , nur Gleißnerei ſtellt ſiß mit ſeiner undeutſchen
Endung ein. Darin gleichen dieſe Adjective den Partizipien,
welche fonſt re dung fähig ſind. Wie muß man ſich quälen, weil man nicht
ſagen darf: Die Empdrendheit dieſer That, die Dringendheit
der Sache 26. Naur die ganz adjectiviſm gewordenen „anwes-
fend, abweſend“ 2c. machen eine Ausnahme. Die Shwierig-
keit, ſolche Adjective zu behandeln, vermehrtäſich, wenn das
Stammwort ein fremdes iſt. Barbariſch, ſubſtantiviſch, katho-
liſch, fatholiſirend 26. find ſo ungefügige Bildungen, daß man
fie nur unter günſtigen Umſtänden anwenden darf. Noch
ſchlimmer geht es mit den Adjectiven auf die fremden Endun-
gen iv und al. Man ſagt wohl zur Noth: Die executive
Gewalt, aber doch lieber die Executivgewalt, indem man fich
hinter eine unorganiſche Zuſammenſeßung- flüchtet. (Es kommt
zu keiner Conſequenz. Man ſagt die miniſterielle Preſſe, aber
eine Miniſterial-Verfügung 3 eine gymnaſiale Bildung , aber
ein Gymnaſiallehrer. Man möchte gern und wagt nicht. Dazu
kommt das ſtarre Geſeß, das Adjectiv dem Subſtantiv voran-
zuſtellen, wodurch die unorganiſ hervorgerufen wird. Wie gern würde man ſagen? die canto-
nale Verfaſſung, wenn die Zuſammenziehung, Cantonal-Ver-
faſſung niht gar zu nahe läge. So präventive Maßregel,
Kolonial-Miniſter 2e,, überall Inconjequenz.
Und nun die ungelenken Adjective auf er von Drtsnamen
hergeleitet. Man wußte lange niht, ob fie nicht eigentlic
Subſtantive ſeien, und alſo das Frankfurter Journal ein
Journal der Frankfurter. Jett ſtehen aber bisweilen drei. uu-
geſchite Formen gleichberehtigt neben einander. Der Jenat-
iche Student iſt zugleih ein jenaer und jenenſer. Keins der
drein iſt organiſch gebildet. - Hätten wir ein einziges , aber
dieß gehörig biegſam, es ſtünde vortheilhafter um die Sache.
Auch in rein deutſchen Nachſylben der Adjective herricht
Inconſequenz. Man unterſcheidet. wohl ein „vierteljähriges
Kind von einer „vierteljährlihen" Zahlung, aber nicht ein
„monatiges Kind von einer „monatlichen“ Zahlung. Ebenſo
iſt es ganz ungewiß, ob der Säemann im Evangelium auf
„ſteiniges" oder „ſteinichtes“ Land geſät hat.
f) Die mangelhafte Bildung der Adverbe. Nicht
beſſer, als mit den Adjeetiven, ſteht es mit den Adverben, ja,
die Mängel beider Wortarten fließen vielfältig in einander.
Iſt ja doch das prädicative Adjectiv jo flexionslos, wie das
Adverb. Wie ſ Erlernung fremder Sprachen ? Wie quälen ſich unſere Knaben
das bene von bonus, das bien von bon zu unterſcheiden !
„Kolumbus kam zuerſt. zu den Antillen." Soll das „zuerſt“
heißen primus oder primum? vor allen Andern, oder ehe er
das feſte Land erreichte ? Nur der Zuſammenhang kann darüber
entſcheiden, „Er iſt glüflih angekommen“, kann heißen „ohne
Unfall“, aber auß „als ein Glü&liher.“ Nun kommt erſt
die weitläufige Umſchreibung dur „Weiſe“ hinzu ; „glüd-
licher Weiſe“, wo der Engländer mit ſeinem bappily. aus-
reiht. Vor dem franzöſiſchen heuresement mit ſeiner Zwei-
deutigkeit hat freilich das Deutſche einen, wenn auch ſc fälligen Vorzug. Am wenigſten logiſc< hat ſiH jedoH die
Sprache in dem Superlativ des Adverbs ausgebaut, Der

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