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Buchſtaben aufſagen, jeder etwa zwei Minuten. Während die
Syllabir- und Buchſtabirſhüler vorgenommen wurden, ſchrieben
die Leſeſhüler und rechneten. Nun waren die erſten zwei
Stunden vorüber, und es kommt der Religionsunterri Leſe: und Buchſtabirſ<üler haben jeder ein Penſum aufzuſagen,
fie kommen einzeln vor, fagens auf, erhalten, wenn ſie's nicht
können , ihre Schläge und gehen auf ihren Plaß zurüf. So
ward der Religionsunterri meiſter den Screibeſchülern vor, ließ fim no<“ das Einmaleins
herfagen, und die Schule iſt aus,
So war der Zuſtand der Schulen im Allgemeinen. I<
habe eine Durchſ zeihnen können, ohne die Wirklichkeit zu verfehlen ; freilich gab
es auch beſſere, aber ſo ſporadiſc< , daß es Unwahrheit wäre,
fie als Zeitbild hinzuſtellen. Es gab nicht leicht eine grobe
Unart, die nicht in dieſen Schulen gelernt wurde ; Lehrer und
Schüler waren waer daran, einander zu peinigen und zu ver-
derben. Aeltern und Sculaufſeher unterließen es auc< nicht
ihrerſeits. Großentheils ſtanden untüchtige Menſ vor; der Behörde lag es nicht am Herzen, daß die Bauern
au< Menſc Publikums war und blieb zweifelhaft, ob bei der ſittlichen Auf-
flärung des Volkes die Menſc die willenloſe Folgſamkeit der Arbeiter und Landleute könnte
leiden.
ben nur ein vebiculum zur Lüderlichkeit werden, oder die Haus-
frau könnte den Hausherrn in feinem Anſehen beeinträchtigen.
Der Staatsmann Sedendorf klagt, die meiſten Lehrer führen
ihr Amt mit großer Ungeſchilichkeit, weil fie ſelbſt nicht beſſer
gezogen worden, wiſſen nichts als poltern, ſchelten, aushöhnen,
ſ und erbaulihe Treuherzigkeit, leben theils wegen j terhalts in Noth und Verachtung, ſuc Verſäumung ihres eigentlichen Berufes ihre Nahrung zu ver-
beſſern, thun nic böſem Leben die Schüler ſelbſt ärgerten.
Ein Mann, der nicht zu der Claſſe von Menſchen gehört,
die das Wichtige für unwichtig , no< zu denen, die das Un-
wichtige für wichtig halten, ſondern zu den Wenigen, die das
Wichtige wichtig und das Unwichtige unwichtig nehmen, Bals-
thaſar Shuppius, ein Scriftſteller, klagt : Wenn einer iſt, der
nirgend fortfommen fann und weder zu ſieden noh -zu braten
tauget, jo ſagen die großen Politici, er muß ſich behelfen, er
muß einen Schuldienſt annehmen, bis man ſfiehet, wie man ihm
weiter belfe. Heutigen Tages will kein generofes und tugend»
reiches Jngenium als Schulmeiſter fich brauchen laſſen , weil
man den Sculbedienten Zeifigfutter und Eſelsarbeit auflegt.
Wir haben heut zu Tage verſchiedene Lehrer: Schullehrer,
Hülfslehrer , Vikare, erſte und zweite oder Elementarlehrer,
Knaben- und Mäd ein gebildeter Mann, dem ein bedeutendes Amt anvertraut iſt,
und der einen Beruf hat, dem er ſim mit Leib und Seele
lebensSlang hingibt. Damals wurden andere Unterſchiede ge-
macht.
1) Sdulmeiſter, die ordentlic< angeſtellten Lehrer, die
au< im Sommer Sule zu halten hatten.
2) Geſellen, die wie Handwerksburſche dur zogen und bei einem Schulmeiſter Arbeit ſuchten.
3) Schulhalter, Handwerker, Tagelöhner oder Beſißer
eines kleinen Stü> Landes, die fich für den Winter als Lehrer
Bei den virginibus beſorgte man möchte das Schrei-
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affordiren ließen; der Hirte, Schnitter und Knecht auf den
Bauerhöfen im Sommer war oft Schulhalter im Winter. Der
Bauer ſah natürlic< ſehr geringſ<äßig auf den Lehrer im Dorfe,
Der Lehrer erniedrigte ſich ſelbſt unter ſolHen Verhältniſſen
unter dem Dru> des Lebens.
Das Alles geht aum unſer liebes Altenburger Land ſehr
nahe an. Die Sc Ende des vorigen Jahrhunderts den Schulmeiſter zu Göllnit
bei dem Conſiſtorium, er unterfange ſih ihren Rechten zuwider
„nic Märkte zu beſuchen“, und bat, denſelben zur Drdnnng zu ver-
weiſen. Darauf eröffnete in Folge landesherrliher Entſchließung
das Conſiſtorium den Beſchwerdeführern, daß ſie, da die S diener in der Regel eine allzugeringe Beſoldung hätten, die-
ſelben an der Ausführung ihres Gewerbes nicht zu hindern
hätten , dagegen ſollten die Schulmeiſter iht Handwerk „nicht
außerhalb den Höfen oder ſonſt, fjondern allein daheim in ihren
Häuſern zur Nothdurft, für nic genden Städten und Meiſtern deſſelben Handwerks nicht zum
Nachtbheil treiben," So ſtands.
Die Nothwendigkeit , die Volksſhule zu heben, =“ zu
heben, ſage iM; denn es handelt ſich nicht um die Entſtehung
der Volksſhulez dieſe hat die Reformation , namentlich die
deutſche, bewirkt und gefordert =- alſo die Nothwendigkeit,
die in und nach dem 30jährigen Kriege in Verfall gerathene
Volksſ für Volksbildung in einem Herzen voll Liebe zum Volke er-
wacht war. Das geſchah zuerſt bei den Pietiſten , namentlich
Franfe, dem bekannten Waiſenhausvater. In demſelben ent-
ſtand eben auch der Gedanke, für die Bildung künftiger Volks-
ſ Sculen ſelbſt heran. Das erſte Schullehrerſeminar gründete
der treffliche Oberconſiſtorialrath He>er, der aus Franke*s Schule
hervorgegangen war, 1748 in Berlin und zwar in Verbindung
mit ſeiner Realſ Pietiſten fand ſic damals zuerſt der klare Blik in die Be-
dürfniſſe des Volks und der kräftige Griff und S dem erfannten Ziele hin, Beſonders wirkfam war der edle
Domherr Friedrich Eberhard von Ro>ow , Erbherr zu Reken
bei Brandenburg, der auf feinen Gütern nicht bloß wohlge-
ordnete Schulen anlegte , ſondern auch treffliche Volksſchriften
verfaßte und verbreitete und es als das „einzig Nothwendige“
bezeichnete , daß ein Schullehrerſeminarium angelegt werde,
worin te junge Männer auf Koſten
des Staates zu Volkslehrern gebildet würden.
Mit beſonderem Eifer und Nachdru> ſpram und ſ Johann Gottfried von Herder für S Scleſien griff Graf Guſtav von Sclabrendorf wirkſam in die
Bildung der Volkslehrer ein; er gewährte jährlih 1250 Thlr.
für ein evangeliſches Seminar und ſeßte ſpäter zur Errichtung
eines andern Seminars in Schleſien 100,000 Thaler teſta-
mentariſm< aus. Bedeutende Summen gewährten reiche Privat-
leute, um verwirkfihen zu helfen , was die Cdelſten als unab-
weisbares Bedürfniß erkannten. Hat doh Baſedow, dem Herder
keine Kälber zu erziehen gebeu wollte, geſMweige denn Men-
ſ thropins in Deſſau in kurzer Zeit gegen 40,000 Thaler zu:
jammengebra dem lebendigen Verlangen, zu helfen, erwuchſen allenthalben

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