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Hiſtorienbuch oder Schrift?
Mit beſonderer Rückſicht auf die bibliſche Geſchichte von
Stolzenburg.
Erſter Artikel,
Von
Seminar-Director Materne zu Scloß-Elſterwerda.
Ein weſentliher Factor in der jeßigen Geſtaltung des
Religionsunterrichtes in der Volksſchule ſind die ſogenannten
Hiſtorienbücher geweſen. Welcherlei und zum Theil bedenkliche
Wandelungen ſie auch na Ausgabe der Hühner'ſ (1714) an auc< durchgemacht haben, ſo bleibt ihnen das Ver-
dienſt, die bibliſche Geſchichte aus ihrer untergeordneten Stel-
lung in der Volksſhule zu ihrem vollen Rechte erhoben zu
haben. Und was auc< an dieſem und jenem der jeßt am
meiſten gangbaren Hiſtorienbücher ausgeſeßt werden mag: in
einem Stüde haben ſie ſich alle ſeit Jahrzehnten immer mehr
auf der richtigen Bahn zuſammengefunden. Das iſt der ſicht-
liche Zug „zu Bibelgeiſt und Bibelwort“, der immer deutlicher
dur< ſie hindur Reihe der unentbehrlihen Shulbücher getreten zu ſein. Bis
in die neueſte Zeit reichen in den verſchiedenen evangeliſchen
Landen die Bemühungen der Sc deſſelben au< da möglih zu machen, wo Herkommen oder
äußere Verhältniſſe es an ihm no< fehlen ließen. Dabei
wächſt ſeine Literatur in faſt überreiher Weiſe. Von Jahr
zu Jahr erſcheinen neue Arbeiten, und zwar nicht mehr für
die Volksſchule im Großen und Ganzen, ſondern für ihre ein-
zelen Stuſen beſonders bearbeitet.
Gegenüber dieſer Stellung des Hiſtorienbuches ſind in
neuerer und neueſter Zeit Stimmen lautbar geworden, welche
den Gebrau< deſſelben auf der Oberſtufe der Volksſchule
wefentlich beſ dem Hiſtorienbuche den Vorwurf, daß es das Leſen der Schrift
beeinträchtigt habe und an der immer mehr zunehmenden Un-
befanntſ trage. Schon der heimgegangene Dann mahnte ernſtlich,
„zur Quelle“ zurüczukehren. Seit Jahren wollen die ſchle-
fiſm nicht aus dem Hiſtorienbuche, ſondern aus der Schrift ſelbſt
geſ 1856 im Vorwort), daß die Kinder dur; Spruchſammlungen
und Hiſtorienbücher gehindert werden, ihre Bibel zur Hand zu
nehmen, und daß ihnen dann ſpäter die Bibel wie ein Gebäude
erſcheint, „in deſjen einzelen Gemächern und Vorräthen ſie ſich
gar nicht zurechtfinden.“ Wangemann (Sulkunde) nennt
das Hiſtorienbuch „einen Park mit künſtlichen Anlagen und
beſen"“ gegenüber „dem ſchönen freien Buchen-
walde“ der Schrift.“ H, Zeller (im füddeutſ boten) und Andere erheben Bedenken gegen das Hiſtorienbuch
überhaupt oder fürchten do deſſelben. Den ernſtlichſten Angriff hat, von denſelben Grund-
gedanken ausgehend, vor kurzem W. Stolzenburg (früher
Seminardirector zu Bunzlau in Scleſien, jeht Regierungs-
und Sculrath zu Liegniß) in ſeiner, in der Ueberſchrift ge-
nannten Schrift (Bibliſche Geſchichte Alten und Neuen Teſta-
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ments für den Schulgebrauch bearbeitet, Breslau 1860 bei
Dülfer) unternommen. Weſentli< von den bisher gangbaren
Hiſtorienbühern abweichend gibt Stolzenburg die erſte voll-
ſtändige Anleitung, den Unterricht in der dibliſ ſhi ſegen, und zwar nicht allein nac< Weiſe mancher Schriften
der leßten Zeit in der Geſtalt eines Hülfsbuches für den Lehrer,
ſondern in der eines eigentlichen, für die Hand der Schüler
berehneten Schulbuches.
Es iſt Abſicht dieſer Zeilen auf Einzeles in dieſer Schrift
einzugehen, ohne dieſe gerade einer durchgehenden Kritik zu
unterwerfen und dabei die Frage: „Hiſtorienbuch odex
S Prift?“ vornehmlich mit Nüſicht auf die Leiſtungsfähigkeit
der Bolksſjchule zu beantworten.
Zunächſt halten wir die Klage Stolzenburg's u. A.
über den nachtheiligen Einfluß der Hiſtorienbücher nicht für
vollſtändig gerechtfertigt. Den Hiſtorienbüchern wird zugerech-
net, was Product einer ganzen Reihe geſchihtliher Factoren
iſt. Unzweifelhaft ſcheint uns dieſes zunächſt in Beziehung
auf das Bibelleſen der Volksſchule ſelbſt zu ſein. Wir können
die einzelen Momente, wekche ſeit der Bibelfreude des refor-
matoriſchen Zeitalters zur jeßigen Beſchränkung des Bibelleſens
im Laufe der Jahrhunderte mitgewirkt haben, z. B. den weit-
greifenden Einfluß der Philanthropen, nicht ſpeciell erörtern.
Über wir erinnern im Großen und Ganzen an die Umgeſtal-
tungen, welche die fogenannte alte evangeliſche Volksſchule
bis zu der neuen hin erfahren hat. Eine Neihe von Unter-
richtsobjecten, welche vergangene Zeiten nicht kannten oder doh
niht in den Kreis der Volksſchule zogen, gelten jeßt für dieſe
als obligatoriſch 3; neue Unterrichtsweiſen ſind geſucht und ge-
funden ; neue Ziele find geſte>t; der Kreis der eigentlichen
Schulbücher bat fi< in der geringſten Volksſchule weſentlich
erweitert. Eine nothwendige Folge der Aufnahme des Neuen
war die ſucceſſive Beſchränkung der traditionellen Unterrichts-
objecte und ihrer Träger. Auch die Bibel, nach Luther lange
Zeit die „ſürnehmſte und gemeinſte Lection in hohen und
niedern Schulen“ und no< länger in der Volksſchule der
Mittelpunki des ganzen Unterrichtes, *) mußte eine veränderte
Stellung einnehmen. Das herkömmliche tägliche Leſen derſel-
ben, das bekanntlich zu ſehr verſchiedenen Zwecken dienſtbar
war, trat im Großen und Ganzen immer mehr zurück, bis --g
endlig; in unjern Tagen ſo zuſammenſc nom auf der Oberſtufe der eigentlihen Volksſchule .... die
höher hinauf liegenden Schulen berüfihtigen wir nicht --
den engen Raum von zwei Stunden wöchentlich beb aupten kann.
Unter allen dieſen Einwirkungen auf Bibelſtellung und
Bibelleſen in der Volksſchule nehmen die Kiſtorienbücher ihre
beſtimmte Stellung ein. Ganz entſprehen9 der bald allgemach
unter der Noth der Zeit ſich geltend "gac Heils lehre in ihrer feſten Geſtalt dem Katechismus zu ent-
nehmen, ſtatt ihr mühjam in der Schrift nachzugehen, wurden
in ſpäterer Zeit die Hiſtorienblücher die eigentlichen Träger der
Heils geſ einen beſtimmten Plaß ix der Volksſchule zu erringen. Offen-


E) „An die Bibellectionen ſchloß ſich der ganze Religkonsunterricht,
in ihnen wurde Alles beigebracht, was aus ver heiligen und
profanen Geſchfc der Shuljugend damals dargeboten wurde.“ Weidemann
in Sc

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