Allgemeine
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Achtunddreißigſter Jahrgang.

Vierzehnte allgemeine Verſammlung der Lehrer des
Fürſtenthums Walde>,
gehalten zu Berndorf am 22, Juli 1361.
(Shluß.)
Hierauf betrat Rector Pflü>er von Wildungen die Red-
nerbühne und hielt folgenden
Vortrag über Charakterbildung.
Wenn wir fo allgemein und oft bitter Klage darüber führen
hören , daß die moderne Schule bei allen ihren Fortſchritten
nach einzelen Seiten hin doch rüFſichtlich der Charafterbildung
nicht nur wenig leiſte, ſondern die Pflege des Charakters geradezu
verabſäume? ſo verdient die Frage, ob dieſer Vorwurf gerecht
oder Ungere zu ihrer Beſſerung nac< dieſer Richtung hin zu thun habe,
gewiß der ernſten Erwägung. Es hat ſich's gerade in dem
lezten Decennium ein beſonderer Zweig der pädagogiſchen Lite-
ratur zur Aufgabe gemacht, darzuthun, daß der Unterricht nicht
nur der Volks-, ſondern aucz der höheren Schulen an der Be-
tonung der Intelligenzförderung nachlaſſen und direct der Förde-
rung des Gemüths: und Charakterlebens im Schüler ſich zu-
wenden müſſe. Soweit dieſe Richtung Front macht gegen die
Sterilität des bloßen Unterrichtsgebens und gegen die bequeme
Anſicht, die Disciplinen an und für ſihß und ohne die aus
einer des ganzen geiſtigen Lebens auf den Schüler wirken zu laſſen:
ſo weit geben wir derſelben vollkommen Rec zu Gunſten einer weichlihen, unfräftigen und darum unfrucht-
baren Arbeit durch leeres Wort und Phraſe die rauhe, aber
dur< wahre Kräftigung lohnende geiſtige Arbeit verfürzen und
verfümmern will, geben wir ihr Unrecht,
Cs iſt nicht zu läugnen, daß im Verlaufe des Kampfes für
und gegen directe Charakterbildung manches Wort geſpro-
deſſen herrſ daß es dex Mühe werth iſt, dieſelbe zur weitern Anregung auch
unter uns einmal öffentlich zur Sprache zu bringen, I< thue
dieß auf Veranlaſſung verehrlichen Vorſtandes und biauc zu bemerken, daß jene Frage einer viel gründlichern und um-
fangreihern Erörterung bedarf, als es in einem kurzen *)
Vortrage geſchehen kann, deſſen Inhalt noch dazu im Drange
Darmſtadt, 9. November.

*) IH bemerke ganz ausdrüdlich, daß der Vortrag, zumal in
der lebten Hälfte, lediglich andeutend ſein konnte.
1861,
<< ER "zue


der gehäufteſten Berufsarbeiten raſ< zuſammengeſtellt wor»
den iſt.
| 1,
Wir haben uns zunächſt über die Frage zu verſtändigen :
Was iſt Charakter ?
Wir Deutſchen ſind mit dem Worte „Charakter“ jehr ver
ſc den Complex vieler Merkmale an anorganiſchen und organiſchen
Geſchöpfen , darum au< in fittlicher Beziehung kurzweg für
herrſchende Neigungen, für Gemüthsverfaſſung, Gemüth, Herz»,
Denk- und Sinnesweiſe; ja, wir ſind oberflächlich genug, das
Reußerlichſte, was der Menſc< beſikt, ſeinen Rang und Stand,
mit dem Worte „Charakter“ zu bezeihnen, Und do< ſoll hier,
wie wir ſogleich ſehen werden, mit diefem Worte das Höchſte
bezeichnet werden, was der Menſ< fim überhaupt aneignen
fann. |
Ein weißes Blatt Papier, auf das Vater und Mutter und
Geſchwiſter und Dienſtboten und gute und böſe Nachbarn und
Freunde und ſchließlih Schule und Welt ihre Charaktere zeich»
nen, == tritt das Kind ins Leben, und wenn es fein ruhig
ſchläft und beim Erwachen ſanft lächelt, ſo verdient dieſe in
ſeinem Naturell oder Temperament begründete Eigenſ ebenſo wenig, wie das ſtürmiſche Weſen des etwas derber orga»
niſirten Schreiers, den Namen Charakter, wenn freilich auch
dieſe verſchiedene Baſis, auf der das Leben aufgebaut wird,
dem Charakter deſſelben lei kann. Mit andern: Worten, Temperament iſt niht Charakter,
und das Kind hat noh keinen Charakter. Erſt wenn das Be
wußtſein des Menſchen ſo weit herangereiſt und ſein Urtheil auf
Grund der. mannichfachſten Erfahrungen ſo weit gekräftigt wor-
den iſt, daß er unter den einander in ihm widerſtreitenden
Strebungen dieſer den Vorzug der Vernünftigkeit vor jener zu
geben im Stande iſt, erſt dann ſtärkt fich allmählich mit jeder
neuen bewußten Entſcheidung für dieſelbe Strebung jene
Fähigkeit oder Kraft der ganzen geiſtigen Perſönlichkeit, welche,
wenn ſie an Intenſität genugſam zugenommen hat, allen Stres
hungen eine ebenmäßige Richtung vorzeichnet. Dieſe durc< eine
ſo zu ſagen geiſtige , alſo bewußte Keyſtalliſation entſtandene
Fähigkeit oder Kraft der geiſtigen Perſönlichkeit nennen wir
Charakter.
Demnach iſt Chacakter nichts Angebornes , es iſt vielmehr
das Erwerbniß, das Product aus tauſend Anſtößen, Mühen und
Kämpfen, es iſt die erworbene Fähigkeit, beharrlich und ſicher -
dem innern Widerſtreben gegen das als wahr und vernünftig
Erkannte entgegenzutreten. „Das Gute, das in mir iſt, jagt

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