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Achtunddreißigſter Jahrgang.

Redner und Lehrex.
In manchem Lehrer rühmt man die Klarheit und Kraft der
Darftellung ; Gleiches verlangt man mit Fug vom Redner.
Inwiefern aber die Gabe oder die Kunſt und die Aufgabe des
einen mit der Gabe oder der Kunſt und der Aufgabe des andern
verflo<ßten und verwandt iſt, iſt noM wenig beachtet worden
jowohl von der durc< ihren Mangel an lebensvollem Gehalt
und Ueberfluß an ſtarren Formen allmählih in Verruf gefom-
menen Rhetorik, als auch von der Pädagogik, die, weil noh
nicht zurü&geführt auf die einfachſten und ſicherſten Principien,
na< der Meinung mancher Praktiker in die Kategorie jener
Wiſſenſchaften zu ſeßen iſt, welhe taube Aehren zu dreſchen
ſi Dem erſten Anſehen nac< möchten zwar Schule und Red
nerbühne weit genug ans einander liegen. Wird nicht der
Redner gar oft von verächtlihen Tendenzen geleitet und von
niedrigen Leidenſchaften bewegt , während der Lehrer von der
Würde ſeines köſtlihen Berufs durchdrungen ſein muß? Wie
oft iſt der Redner in die Lage verſeßt, zu ſchauſpielern, wah-
rend der Lehrer Wahrheit ſein foll durc< und durch! Wird nicht
dem Lehrer rhetoriſches Gebahren mit ähnlihem Re Vorwurfe gemacht, wie dem Dichter ? Hat der Lehrer, ſofern
er zugleich Erzieher iſt, nicht zahlreihere und ganz andere Mit-
tel, um ſeine Beſtimmung zu erfüllen, als der Nedner ? Um-
gibt den Redner zumeiſt ni Bildungsſtufe , anderem Alter, größerer Erfahrung, von ganz
anderen Intereſſen, als die find, welche in der Schulſtube ſich
kundgeben ? Gibt es nicht anerkannte Lehrer, von denen Des-
moſtheniſche Beredtſamkeit auszuſagen Niemandem beikommt, und
gibt es hienieden nic fälen und in den Verſammlungen von Staatsmännern oder
Gaeſc der Beruf zu Lehrern abzuſprechen iſt, oder die jich felbſt für
ganz untauglich dazu halten ? Palmer trennt die Homlietik (vrgl,
„evangel. Homiletik“ S. 427 ff.) ſcharf von Rhetorik und häli
es in diefer Beziehung mit Luther, der ohne die ärmliche Rhe-
iorik der Gymnaſien und Lehrbücher gewaltig predigie , lieber,
als mit dem Präceptor Deutſchlands, Melanc der , wenn in ähnlicher Weiſe von Rhetorik losgetrennt, die
Didaktik ein Einzelleben zu führen verſucht, ja, wenn die Rede-
fünft als faule und verbotene Frucht dem künftigen Lehrer ents
rüdt wird und andrerſeits dex ſeinwoßſende Redner hohmüthig
auf den Schulmeiſter herabſieht ? in
Daxmſtadt, 16. November.

jm? dg



Indeß fann, wird die Sache im Grunde betrachtet, dieß
nicht geläugnet werden, daß zwiſchen dem Redner und ſeinen
Zuhörern und zwiſchen dem Lehrer und ſeinen Schülern ein
Verhältniß beſteht, wie etwa in der Natur zwiſchen dem freien
Lichte und dem Lichte, das in den Körpern gebunden iſt; daß
für beide eine Beziehung vorliegt, welche die Wiſſenſ ſchiedener Gebiete ein Subject-Dbjectivitäts-Verhältniß genannt
hat , fo daß Lehrer und Redner mit ihrem Thun die für die
gegebenen Fälle fertigen Objecte find, welche von den Zuhörern
und Schülern als den für die betreffenden Fälle no< unbe-
ſtimmten Subjecten aufgenommen, verwandelt und angeeignet
werden ; daß die Thätigkeit der Lehrer und Redner und deren
Erfolg eine lebendige Wechſelwirkung iſt, die einerſeits zwar
im Wort fich concentrirt, aber der ganzen VWerſfönlichkeit ent=
quillt, andrerſeits niht von dem Ohre allein, fondern ebenfalls
von der ganzen Perſönlichkeit der Hörenden aufgenommen wer«-
den muß. Darum ſ Rede nur Ein Lichtſtrahl find, von dem getroffen die unter ſich
verſchiedenen Dinge erglänzen und ſic) zeigen und eingehen in
den vernehmenden Geiſt; daß Lehrkunſt und Redekunſt jener
Lichtſtrahl find, ſofern derſelbe ſich ſeiner felbſt bewußt wird,
Wenn die Beziehung zwiſ innig iſt, ſcheint es nict, als ob dur< genauere Betrachtung
und Erkenntniß fol Problems der Lehrerbildung gefördert würde; wenn das Weſen
des Redners zuſammenfällt mit dem Weſen des Lehrexs, wird
ni zum Lehrer? Ji nicht klar dann, daß fi) von der Arbeit,
dur< die der Redner ſich bildet, niht nur ſchließen läßt auf
die! Arbeit, dur; welche der Lehrer wird, ſondern beiderlei
Arbeit dieſelbe iſt?
Wer Redner in der wahren Bedeutung fein will, muß zwei=
fel8ohne die Dinge dur ſonen, zu denen ex ſprit; er muß feine Anj Gefühle und Gedanken nicht nur für feine Zuhörer, ſondern
auch in denſelben zu reproduciren verſtehen ; ihm darf dabei die
maßvolle Seelenherrſhaft über ſich ſelbſt ni ganze Erſcheinung ſoll der Jdee, die in der Rede ihren beſtimm -
teſten Ansdruc>k findet, dienen, und wiederum ſoll die Rede einem
edlen Manne entſtammen. Damit alſo gönnen wir den Ruhm
eines Redners nicht dem gogen, dem kein ſchlechtes Mittel, ſeine egoiſtiichen Abſichten zu
erreichen, unwürdig dünft; folgen vielmehr deim wohlerfahrnen
Quintilian, der von der hohen Bedeutung des Redners dur<-

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