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deutſchesPhilologenBlatt
KorreſpondenzPblatt für den akademiſch gebildeken fehrerſtand
Z=-ferausgegeben vonStudiennatDrA Hoofeinberlin



Leipzig, den 27. Juli 1924
29. Jahrgang

Die Stellung des Gymnaſiums
in der Schulreform?).
Vortrag, gehalten auf dem Philologentage in Jena am 18. Mai 1921.
Meine Herren! Der Anſturm unſerer von ſozialen Jdeen
durchtränkten Zeit richtet ſich gegen die höheren Schulen im
allgemeinen, gegen das Gymnaſium im beſonderen und mit
beſonderer Schärfe. Allen höheren Sc ſeien Standesſc dem Gymnaſium im beſonderen, e8 bilde den Menſchen nicht
in erſter Linie zu einem Beruf, zu einem nußbaren Glied einer
Zweckgemeinſchaſt aus und e3 ſei auch von dieſem Standpunkt
aus unſozial. Aber da3 erſte iſt nicht richtig und da3 zweite
kein Vorwurf. Die Jahresberichte unſerer Gymnaſien zeigten
biöher einm Schülermaterial, da8 ſich in glückliher Miſc aus allen ſozialen Schichten der Bevölkerung zuſämmenſeßte.
Wenn ſic< das gegenwärtig ändert und der Beſuch der Gymnaſien
zurückgeht, jo iſt daran = abgeſehen von der materiellen
Richtung des Geiſtes unſerer Zeit -- auf der einen Seite die
ſteigende Verarmung de8 Mittelſtandes ſchuld, die es nicht ge-
"ſtattet, die Söhne durc< das Gymnaſium zur Hochſchule gehen
zu laſſen, auf der anderen Seite das geringe Bildungs8bedürfni3
'der zu einer behaglicheren Lebensführung aufſteigenden Arbeiter-
lajſe. Den Beruf3gedanken lehnt das Gymnaſium allerdings
1) Leitſäte.
| Grundſorderungen.
; 1. Wa3 den Umfang de3 Lehr- und Leſeſtoffes, die Anforderungen
an die Schüler, die Vorbildung der Lehrer betrifft, ſollen die während
de3 Krieges und danach zurückgegangenen Leiſtungen wieder auf die
frühere Höhe gebracht werden. |
2. E3 gilt das Bewährte zu erhalten, das Beſtehende nach ſach-
lichen Geſicht3punkten weiter zu entwi>eln, nicht umzuſtürzen und
dur A. Stellung de3 Humanismu3 innerhalb des. höheren Schulweſens.
- 1. Da3 Weſen des Humanismu3 beſteht in der innigen Verbin-
dung von Deutſch, Latein und Griechiſch. Das Griechiſche in ſeinem
biöherigen Umfang beſchränken oder zum Wahlfach herabzuſezen, hieße
deShalb die Eigenart des Gymnaſium3 zerſtören.
2. An der neunjährigen Dauer des Lehrganges des Gymnaſiums
iſt feſtzuhalten. Die Dauer der Geſamtausbildung ſoll bei beſonders
Begabten durch Differenzierung innerhalb dex Grundſchule und durch
die Möglichkeit, eine Klaſſe der höheren Schule zu überſpringen, ab-
gefürzt werden können. |
3. Die vorhandenen humaniſtiſchen Anſtalten ſollen, ſoweit ſie
lebenzfähig ſind, erhalten, neue nach Bedarf gegründet werden.
| 4. Im Reformgymnaſium und, vollend3 in der Aufbauſchule auf
humaniſtiſcher Grundlage kann ſich die Eigenart der humaniſtiſchen
Bildung nicht auswirken. Die Gründung dieſer Schulen oder die Um-*
wandlung beſtehender humaniſtiſcher Anſtalten in ſolche ſoll de38halb nur
in Form - einer Ausnahme oder eine3 Verſuchs erfolgen. |
5. In den Lehrplan der Deutſchen Oberſchule ſoll Latein al3
„die gründlich zu betreibende Fremdſprache“. oder wenigſtens als Wahl-
fach aufgenommen werden, ebenſo ſinngemäß in den Lehrplan der Deut-
| ſchen Aufbauſchule.
od
EN Z .

bcnußt ab; die Übermittlung einer möglichſt großen Menge von
unmittelbar praktiſ<; verwertbaren Kenntniſſen kann dem
Weſen de8 humaniſtiſchen Gymnaſiums nach nie ſein Hauptziel
ſein; das Weſen de3 Stoffes iſt für e38 nicht ausſchlaggebend,
die Maſſe des Stoffe3 eher ein Hinderni3; wir wollen ſtoffliche
Beſchränkung und dafür methodiſche Vertiefung. Wir wollen,
um mit W, Schmids (Tübingen) Vortrag „Gymnaſium und
Univerſität“ zu reden, Menſc drängen, nicht verblüffen laſſen, ſondern die Dinge ruhig von
allen Seiten betrachten und prüfen, jeden Gedanken um ſeiner
- felbſt willen zu Ende denken, jede Möglichkeit, ohne Rückſicht
auf ihre Umſeßbarkeit in die Wirklichkeit, zum Wort kommen
laſſen; die, ohne das zur Haſt mahnende Ziel eine3 beſtimmten
Berufes ſtändig vor ſich zu haben, innerlich allſeitig auSreifen,
bevor jie dieſen Beruf wählen. E38 gehört zu den wichtigſten
Aufgaben des Staate38, der ſich nicht ſein eigenes Grab graben
will, ſol Zahl verhältni3mäßig klein zu ſein pflegt. An ihnen hängt
die Hoffnung der Menſc Meinungen, ſondern zu neuen Erkenntniſſen von bleibendem
Wert zu kommen. |
Mit jolchen Gedanken iſt der Beantwortung der Frage des
Gymnaſium3 in der Schulreform der Weg vorgeſchrieben. An
B. Lehrplan des Gymnaſiums.
1. Der deutſche Unterricht iſt in den drei unteren Klaſſen auf
5, 5, 4, in allen übrigen Klaſſen auf je 3 Wochenſtunden (zuſammen
aljo 32 Wochenſtunden) zu verſtärken.
2. Dem lateiniſchen Stil ſind in den drei oberen Klaſſen je
2 Wochenſtunden zuzuweiſen. Die lateiniſche Schriftſtellerlektüre ſoll
über Tacitus hinaus auch Proben aus den Kirchenſchriftſtellern und
überhaupt aus dem mittelalterlichen Latein bieten.
3. Mit dem Geſchichtsunterricht iſt eine planmäßig betriebene
Staatöbürgerkunde als objektive Einführung in das politiſche Leben
der Gegenwart zu verbindert. |
4. Die mathematiſchen Fächer bedürfen mindeſten8 keiner ver-
ſtärkten Stellung im Stundenplan. Der Unterricht in der Chemie iſt
mäßig (1 Wocdhenſtunde) zu vermehren.
5. Mit der Gabelung des Unterrichts in den beiden oberen Klaſ-
ſen nach altſprachlich-hiſtorijc Verſuche anzuſtellen bzw. fortzuſezen. Dabei ſoll jedom; da38 Deutſche
und ein Mindeſtmaß der altſprachlichen Studien für alle Gruppen ver-
bindlich ſein. |
6. Der Caſſeler Beſchluß, wonac< an keiner Anſtalt mehr al8 zwei

' verbindliche fremde “Sprachen getrieben werden dürfen, läßt ſich für die
Gymnaſien nicht aufrechterhalten.
7. Im wahlfreien Unterricht ſind gewiſſe Mindeſtleiſtungen zu
verlangen, von denen die Erlaubnis zum weiteren Beſuch abhängen ſoll.
C. Lehrerbildung. |
1. Die Vorbildung aller Lehrer umfaßt mindeſtens vier Jahre
Hochſchulſtudium und ein Jahr praktiſche Einführung. -
2. Der Fortbildung der Lehrer iſt erhöhtes Augenmerk zuzuwen-
'den (Lehrerbibliothek, Führungen, Arbeit3gemeinſchaften, Studienſemeſter, .
Studienreiſen).
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