deutſchesPhilologenBlatt
Korreſpondenäblatt für den akademiſch gebildeken Lehrerſtand

Zx=-herausgegebenvonStudienatPrA Hoofein berlin




Gedanken zur Grundſ In der „Deutſchen Allgemeinen Zeitung“ vom 27. Mai
ſchreibt der preußiſche Unterricht8miniſter Ir. Becker, die
Rhilologenſchaft führe den Kampf gegen die Grundſ Rückſicht auf die bei einer vierjährigen Grundſchule naheliegende
Forderung einer achtjährigen höheren Schule. Die Bhilologen-
ſchaf: hat niemals die Einrichtung der für alle Kinder gemein-
ſamen Grundſchule an ſich befämpft, ſondern die Form der
ſtarren, nicht differenzierten Grundſchule, wie ſie durc< das
Reich8grundſchulgeſeß vorzeitig feſtgelegt wurde, bevor die Zeit
für ein? Reichsſchulgeſeßgebung reif war. Und zu dieſem Kampf
wurde ſie nic die vierjährige Grundſchule die neunjährige Dauer der höheren
Schule gefährden könne. Nein, ihr pädagogiſches und ſoziales
Gewiſſen, ihr Verantwortungs8gefühl gegenüber der Jugend,
in deren Dienſt die Philologen ihre LebenZarbeit geſtellt haben,
und gegenüber den Eltern, von deren Opferwilligkeit für die Aus-
bildung ihrer Kinder ſie täglih Preben erfahren, zwangen fie
dazu, ihre Stimme immer wieder für eine Änderung des Grund-
ſchulgeſeße8 vom Jahre 1920 zu erheben.
Die Erfahrung vieler Jahrzehnte hat bewieſen, daß lei-
ſtungsfähige Kinder bei einem dreijährigen Unterricht jo weit
gofördert werden können, daß ſie für den Eintritt in die Sexta
einer höheren Schule reif ſind. Dies geſc Woge über die Vorſchul2, aber auch der Fall war nicht ſo ganz
ſelten, daß ein Kind nach einem dreijährigen Beſuch der
Volksſchule in die höhere Schule aufgenommen wurde und dort
regelmäßig fortſchritt. Der Vorſchule wird jet der Vorwurf ge-
macht, daß ſie eine allſeitige, harmoniſche AusSvildung ihrer
Schüler vernachläſſigte, nur das für die Schule, für den Eintritt
in die Sexta Notwendig? lehrte und durc< Überfütterung Des
jug2ndlihen Geiſtes Raubbau an unſerer Jugend trieb. Die
Vorſchulen exiſtieren nicht mehr, ſie können ſich nicht gegen diejen
Vorwurf verteidigen. Aber die Leiter und Lehrer an den höhe-
ren Schulen, die Vorſchulen hatten, und die Eltern, deren
Kinder durch dieſe Schulen hindurchgegangen ſind, wiſſen, daß
an unſeren Vorſchulen durc herrſchten. Sie waren keine Preſſen. E38 herrſchte an ihnen kein
Einpauk- und Drillſyſtem. Ihren Schülern wurde nicht mehr zu-
gemutet, al3 normale Begabung im Verein mit regelmäßiger
Pflichterfüllung leiſten kann. Alle geiſtigen und körperlichen
Kräfte der Kinder wurden von ihnen geweckt und geſchult. Aber
die Vorſchulen konnten mehr leiſten als die Volksſc ſie unter günſtigeren Bedingungen arbeiteten. Sie hatten durch-
ſchnittlich kleinere Klaſſen. Ihre Schüler ſtammten aus ſolc Häuſern, in denen der Wilie herrſchte, Opfer an Zeit, Arbeit
und Geld für die Ausbildung der Kinder zu bringen, und daher
ſorgfältig über ihre Schularbeiten gewacht wurde „Und die Lehrer
der Vorſchulen konnten beſonders ſorgfältig au8gewählt werden,
501
Leipzig, den 12. Auguſt 1923 |

33. Jahrgang
weil ſie höher al3 die Volksſchullehrer beſoldet wurden. Weiter
hat die Erfahrung in den letzten Jahren gelehrt, daß die nach
einem vierjährigen Grundſchulbeſuch in die Sexta auſgenom=-
menen Kinder für die Aufgaben der höheren Schule nicht reifer
ſind al8 die früheren Vorſchüler und daß man mit ihnen in
Sexta nicht ſ man dieſen Verſuch an den Staatsſchulen gemacht hat, iſt er
geſcheitert und aufgegeben worden. Mit pädagogiſchen Gründen
kann man alſo die Notwendigkeit der Abſchaffung der Vorſchulen
und der Einführung der gemeinſamen Grundſchule für alle Kin-
der nicht ſtüßen; man muß ſc Gründen nehmen.
| Die Mehrheit de8 Reichstage3 iſt jezt zu der Einſicht ge-
kommen, daß da8 Grundſchulgeſez vom Jahre 1920 reform=-
bedürftig war. Die Novelle vom 18. April d. I3. rüttelt zwar
nicht an der vierjährigen Dauer der Grundſchule und den jc fen Beſtimmungen über die Befreiung von ihrem Beſuche, aber
ſie gibt die Freiheit, beſonder38 leiſtungsfähige Schüler j dreijährigem Schulbeſuch in die höhere Schule auſzunehnten.
Der Antrag der Deutſchen Volkspartei, wel mann Runkel aufgeſtellt und vertreten wurde, jah Einrichtungen
vor, die begabten Schülern ein ſc Grundſchule ermöglihen. Er wurde abgelehnt, weil die poli-
tiſchen Parteien, welc ſyſtem3 feſthalten, die meiſten Stimmen aufbrachten. Die No-
velle iſt ſo eine Kompromißformel geworden, läßt al3 ſolche ver=
ſchiedene Auslegungen zu und iſt in ihren Auswirkungen nicht
bi8 zu Ende durc Beſonders leiſtungsfähige Kinder können alſo nach dreijäh-
riger Grundſchulpflicht zur Aufnahme in eine mittlere oder
höhere Schule zugelaſſen werden. Man vermißt aber die Möglich-
keit, daß beſonders leiſtungsfähige Kinder nach dreijähriger Schul-
pflicht auch in die Oberſtufe der Volksſc Warum ſollen die leiſtungsfähigen Kinder, welche in der Volk3-
ſchule bleiben wollen, in ihrem Bildungs8gange gehemmt werden ?
Es iſt doc< nicht der Fall, daß alle begabten Kinder auf die mittlere
oder höhere Schule übergehen, und ein ſolher Zuſtand iſt auch
- feine8weg8 wünſchen3wert, weder im Intereſſe der VolkSsjchule
noc< im Hinbli> auf den Leiſtungsdurchſchnitt der werktätigen
Bevölkerung. Man wird doch zugeben müſſen, daß auch dieſe -
Gruppe von Kindern am beſten gefördert wird, wenn jie in dem
Tempo, das ihrer Leiſtungsfähigkeit entſpricht, fortſchreiten.
Erreichen ſie vor Beendigung ihrer Schulpflicht das Bildungs3-
ziel der Volksſchule, ſo gibt es viele Mittel und Wege, ſie noch
weiter zu fördern. An manchen Schulen jind Selekten ein-
gerichtet. Wo ſolche nicht beſtehen, können in der höchſten Klaſſe
Sonderaufgaben geſtellt werden, die über da8 Niveau der Volks8-
ſ richt auf die Methoden der Arbeitsſchule eingeſtellt hat, wird
dies keine unterricht3tec

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.