Reifeprüfung nicht in Betracht gezogen, auch nicht nac< der
negativen Seite. (Dieſe Arbeit ſoll alſo neben die Klauſur-
arbeiten treten, nicht eine von ihnen erſeßen.)
Bei der mündlichen Prüfung werden die Schüler in Grup-
ven geteilt, deren Stärke bei den verſchiedenen Fächern ver-
Ichieden ſein kann; gewöhnlich umfaſſen ſie drei Schüler, deren
Leiſtungsfähigkeit ungefähr gleich iſt. An dieje Gruppen wer-
ven die Fragen gerichtet; e8 antwortet, wer will, oder ab-
wechſelnd, wer bezeichnet wird. Falſ anderen Prüflinge der Gruppe unaufgefordert verbeſjern. Es
iſt darauf zu achten, daß nicht bloß Kenntniſſe auſgewieſen, ſon-
dern auc< Urteile gefällt und von den anderen Prüflingen kriti-
ſiert werdzn. Auch am Überſezen, am Leſen und an der Be-
handlung vorgelegter Abſchnitte aus Schriftſtellern beteiligt ſich
die ganze Gruppe; die Stelle iſt entſprechend lang (länger
al8 bi8her) zu wählen; für ſchwierigere Teile der Überſezung
jollen die Prüflinge ſich ſelbſt melden. =- Nur wenn dieſe
Art der Prüfung zu keinem ſicheren Urteil führt, oder wenn
ſie der Eigenart des Prüfling8 zu wenig entſpricht, ſind einige
Schüler einzeln zu prüfen.
An die gewöhnliche Turnprüfung iſt für ſol die ſich dazu melden, eine Vorturnerprüfung anzuſchließen, die
ihnen Gelegenheit gibt, Führereigenſchaften zu zeigen. Sie ſollen
dabei nachweiſen, daß ſie imſtande ſind, Abteilungen bi3 zu
20 Mann einzuteilen, aufzuſtellen und an einen beſtimmten
Plaß zu führen, leichte Freiübungen zu kommandieren, ein-
fache Übungs8folgen für das Gerätturnen aufzubauen und in rich-
tiger Turnſprache anzuſagen, einer Riege vorzuturnen und rich-
tige Hilfsſtellung zu geben. Vorau3sſezung zur Meldung iſt, daß
die eigenen turneriſchen Leiſtungen genügend ſind. (Höhere Lei-
ſtungen ſollen hierbei nicht verlangt werden, weil auch ſ liche Jugendliche ſehr gute Führer ſein können.) Wer die Vor-
turnerprüfung beſteht, hat Anſpruch darauf, daß ſeine turne-
riſchen Leiſtungen zum AuSgleich etwaiger ſchwächerer Leiſtungen
in anderen Fächern herangezogen werden. Über das Beſtehen
der Vorturnerprüfung iſt in das Reifezeugnis ein Vermerk unter
Turnen aufzunehmen. („„Turnen: genügend; er hat die Vor-
turnerprüfung beſtanden.“)
Sämtliche Schüler der Prima haben der mündlichen Reiſe-
vrüfung beizuwohnen. Iſt dies aus räumlichen Gründen nicht
möglich, ſo ſind ſie gruppenweiſe als Hörer zuzulaſſen. (Dieſe
Maßregel ſoll dazu dienen, die Schüler von falſchem Arbeiten
auf die Reifeprüfung abzuhalten und zu richtiger Arbeit hinzu-
führen 1).)
Bei ſc Leiſtungen in einem Hauptfache oder in zwei Nebenfächern
auch ohne AuSgleich durch beſſere Leiſtungen hinweggeſehen
werden, fall8 die Leiſtungen, die nicht genügen, nicht unter dem
Standpunkt der Reife für Prima ſtehen.
Lauban. O. Seiffert.

Zur Neuordnung der Reifeprüfung.
Im Deutſchen Philologen-Blatt vom 22. September ſchlägt
Oberſ gleihen vier Hauptfäher als obligatoriſ fung8gegenſtände vor. Laufen wir damit nicht Gefahr, in jene
alten Zeiten zurückzufallen, in denen die Zeit vor dem Examen
eine ſeeliſche und oft auch körperliche Qual bedeutete ? Weder
die Vergünſtigung für die Prüflinge, „Teilgebiete“ angeben zu
dürfen, mit denen ſie ſich beſonder3 beſchäftigt haben, noch die
Vorſchrift für die Prüfenden, in die „Tiefe“ zu prüfen (ſtatt
in die Breite), würden jenen laſtenden Dru, jene „„Paukerei“
vermeiden, die damal3 zur faſt völligen Abſchaffung der münd-

1) Ich verweiſe auf einen kleinen Aufſat von mir in der Monat-
ſchrift für höhere Schulen 1910 S. 591.
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lichen Prüfung geführt hat. Denn das Angeben von Teilgebieten
--- an ſich ſehr erwünſcht =- kann doc< nur den Sinn haben, daß
der Betreffende ſich mit ihnen eingehender beſchäftigt hat al3
ſeine Kameraden, nicht etwa den, daß er ausſc das übliche Primanerwiſſen darzutun bereit iſt; und bei dem
„JIn-die-Tiefe-Prüfen“ iſt Bereithaltung de8 Klaſſenpenſums3
in allen wichtigen Stüken do< Vorausſezung. Beide Vor-
Ächrifſten bedeuten alſo eher. Erſ für den Prüfling.
Sehr zu begrüßen iſt die Abſicht des Miniſteriums),
daß jeder Abiturient vor allem in dem Fache zu prüfen iſt, in
dem er ſelber Beſonderes zu leiſten glaubt. In welchen anderen
Fächern er außerdem no< mündlich zu prüfen iſt, ſoll die Prü-
fungsfommiſſion beſtimmen. Der Vorzug dieſe8 Plane3 leuchtet
ohne weitere38 ein; nur ſollte die Anzahl der Fächer, in denen
jeder einzelne geprüft werden muß, auf ein Minimum be-
ſchränkt werden. Wenn da3 „Zuſammenfaſſen der Kenntniſſe“
in zwei Fächern geſchieht (neben allen laufenden Scularbeiten!),
ſo iſt das wahrlich genug verlangt. Man denke daran, was3
dazu gehört, in Deutſch oder einer Fremdſprache oder in Ge-
ſchichte ſi< ſo vorzubereiten, daß man wirklich gewappnet iſt!
Die Aus8wahl der beiden Fächer muß dem freien Ermeſſen des
Prüfling8 überlaſſen bleiben. Iſt doch die Wahlfreiheit oſfen-
jichtlich das einzige Clement, das au3 den beiden diametral ent-
gegengeſeßten Prüfung38ordnungen, der vor 25 Jahren und der
jekt gültigen, ſtatt eines rechneriſchen Kompromiſſes eine leben3-
volle Syntheſe herzuſtellen imſtande iſt. Daß ſich die Prüflinge
in den nicht gewählten Fächern nicht etwa vernachläſſigen, dafür
iſt ſcbon durch die Vorzenſur geſorgt, die ja auc< fernerhin die
Hauptgrundlage für das Endurteil der Prüfungskommiſjion
bilden wird.
Ähnliche Freiheiten ſollte e38 für die ſc geben. Das Miniſterium will erfreuli richten zufolge, eine ausführliche häusliche Arbeit als Erſaß für
die entſprechende PrüfungSarbeit gelten laſſen. Eine ſolc nahmslo8 von jedem Abiturienten zu verlangen, wird ſich ſc wegen der jeßzigen Art des Unterrichts, aber auch wegen der in
Ausficht ſtehenden Vergünſtigung erübrigen. Auc< würden jene
: Arbeiten bei Wegfall der Freiwilligkeit an Wert verlieren.
Damit kämen wir etwa zu folgenden Forderungen:
1. Wer eine größere ſelbſtändige Arbeit abgeliefert hat,
kann in dem betreffenden Fach auf Vorſchlag de38 Fachlehrer3
von der ſchriftlichen Prüfung befreit werden, fall3 feine Lei-
ſtungen in dieſem Fach das ganze lebte Jahr hindurch voll
befriedigt haben.
Alle übrigen Schüler haben ſich in vier Fächern, die für jede
Schulgattung feſtgelegt ſind, einer ſchriftlichen Prüfung zu unter=-
ziehen. Doc< hat jeder Prüfling das Recht, bei ſeiner Meldung
einen Wunſc< dahin zu äußern, ob er eines jener vier Fächer
durch ein anderes erſetzt wiſſen möchte. |
2. Mündlich werden zunächſt alle die geprüft, die in einem
Fache unſichere Leiſtungen aufweiſen. Waren ſowohl die Klaſſen-
leiſtungen al8 auch die ſchriftlihe PrüfungZ3arbeit mit - „Nicht
genügend“ bezeichnet worden, ſo fällt die mündliche Prüfung
weg, es ſei denn, daß der Prüfling ſie beantragt.
Außerdem wird jeder Prüfling in einem der zwei Lehr-
gegenſtände mündlich geprüft, die er ſelbſt au8gewählt hat, oder in
beiden; er iſt bei dieſer Wahl nicht an die „Hauptfächer“ gebunden.
Die Frage, ob er in beiden oder -- waZ3 die Regel ſein ſoll --
in einem der Fächer geprüft wird, reſp. in welchem von ihnen
und in wel fungskommiſſion.
3. E38 wird im allgemeinen erwartet, daß ein Prüfling,
1) Vergl. den Aufſaß der Voſſ. Ztg. „Die Umgeſtaltung der
Reifeprüfung“ (abgedruät S. 723 d. Vl. ), der über die Pläne des
Miniſteriums berichtet.
763.

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