veutſchesPhilologenBlati
Korreſpondenzäblatt für den akademiſch gebildeken Lehrerſfand
--Herausgegeben vonStudienatDrU HoofeinBerlin -““



Nr. 6
ein
- Selbſttätigkeit in der Schule.
Mi: dem Begriff der Selbſttätigkeit ſteht es wie mit hun-
dert anderen ähnlichen Begriffen, die jedermann ohne Prüfung
gebraucht und die doch keine3weg3 ſo einfac< und ſelbſtver-
ſtändlich ſind, wie ſie auf den erſten Bli> erſcheinen.
Das Wort Selbſttätigkeit hat zwei Beſtandteile, die beide
der Klärung bedürfen. Selbſttätigkeit iſt Tätigkeit. Was iſt
aber Tätigkeit ? Gehört dazu notwendig . die äußere Bewegung
und folglich die Wahrnehmbarkeit ? Iſt alſo ein Schüler im
wiſſenſchaftlihen Unterri oder ſchreibt, wenn er (in der Botanikſtunde) Pflanzen zer-
zupft oder (in der Phyſikſtunde) Apparate bedient, nicht aber,
wenn er ſtill grübelt oder, von einem Eindruck gepackt, ſtumm
und in ſich verſunken daſikt ?
Man hat bekanntlich über die Handlung in Goethes
Iphigenie und Taſſo geſtritten. Man hat behauptet, dieſe
Stücke ſeien zu arm an Handlung und darum undramatiſch,
und andere haben die3 in Abrede geſteilt =- nach meiner An-
ſiht mit Recht, denn wa3 iſt Handlung im Drama? Nur das
äußere Tun? Nur die lebhafte Bewegung der Arme und Beine?
Nur Mord und Totſc Julius Cäſar nicht zugeſtandenermaßen höchſt undramatiſch,
obgleich in ihm eine Schlacht von weltgeſchichtlicher Bedeu-
tung vor unſeren Augen geſchlagen wird und demgemäß. die
Bühne von kämpfenden Soldaten mit Sc ſchildern wimmelt? Warum aber iſt dieſer äußerlich höchſt
bewegte Akt undramatiſch ? Weil e8 darin an innerer Hand-
lung fehlt, weil in den Seelen der Hauptperſonen nicht38 mehr
vorgeht, was uns8 lebhaft ſpannen und erregen könnte. Die Be-
wegtheit der Seele, das innere Kämpfen und Ringen erſt macht
ein Drama dramatiſch und unterſcheidet e3 von der „Moritat“
und dem bloßen Theaterſtück.
So iſt'3, ſcheint mir, auch in der Schule. Wer mit wahrer
Ergriffenheit etwas lieſt oder hört, iſt im Grunde tätiger als
einer, der mechaniſch rechnet oder Auswendiggelernte8 her-
leiert. E83 wäre alſo verkehrt, da8 Leſen oder Zuhören ohne
weiteres al3 etwa8 pädagogiſch Minderwertige8 au38 der Schule
zu verbannen und die Schüler immer und überall zu irgend-
welchen ſichtbaren Äußerungen ihre3 Seelenleben3 zu nötigen,
al3 wenn ſie dann allein wahrhaft tätig wären.
Übrigens iſt die innere Bewegung natürlich nie ganz ohne
äußere. Wir achten nur meiſt nicht auf ihre Äußerungen, oder ſie
entziehen ſic unſerem Bli. Mindeſtens im Geſicht3zausdru>
und in der Haltung kommt ſie ſtet3 irgendwie zur Erſcheinung.
Wer in Geſichtern zu leſen weiß, kann den innerlich lebhaft
beteiligten, alſo ſeeliſch tätigen Schüler leicht unterſcheiden. .
von dem unaufmerkſam vor ſich hinträumenden. Die innere An-
ſpannung der Kräfte kommt unfehlbar in Haltung und Miene
zum Ausdruck. |
LL. “= * wp ee „os
Leipzig, den 11. Februar 1925

1
33. Jahrgang
Da3 meiſte aber von dent, . wa38 ein tiefer Gindru> an
Tätigkeit verurſacht, bleibt zunächſt oft verborgen und wird viel-
leicht nie erkannt, auch nicht von dem, der den Eindruck erſährt.
Seine belebende, die tätigen Kräfte anregende Wirkung bleibt
oft unbewußt. So iſt's 3. B. mit ſtarken religiöſen Eindrücken,
1 die jemand in der Jugend erfahren hat: ſie beſtimmen vielleicht
ſein ganze8 Leben hindurc< ſein Handeln, ohne daß er e3 ſelbſt
weiß und ohne daß er auch nur ein einziges Mal den Trieb
gehabt hötte, ſie ſprechend oder ſchreibend in Worte zu ſaſſen,
wozu er am Ende auch gar nicht imſtande wäre. Ebenſo kann
ein äſtbetiſche3 Erlebnis -- 3. B. der Eindruck einer großartigen
Landſchaft =- ein empfängliches Gemüt zunächſt völlig ſtumm
machen und erſt nach längerer Zeit zu irgendwelchen Äußerungen
drängen. Dies will im Untexricht bedacht ſein. Denn ich glaube,
Menſchen von dieſer Art ſind es wert, daß wir auf ihre Eigen-
art Rückſicht nehmen. Wer immer ſofort über jeden Eindruck
ſpreehen mag und kann, wer fähig und geneigt iſt, jedes .Er-
lebnis ſogleich irgendwie in Worte umzuſeßen, der iſt wohl geiſtig
lebhaft, aber ohne Tiefe. Alles, was in ihn eingeht, drängt
ſofort wieder hinaus, ohne innerlich recht verarbeitet zu ſein.
Da8 iſt Oberflächlichfeit. Zur Oberflächlichkeit aber wollen wir
nicht erziehen. Wir würden demnach ſehr unrecht tun, wenn wir
von jedem Eindruck religiöſer, ethiſcher oder äſthetiſcher Art,
den unſere Schüler empfangen haben, immer und ſogleich eine
Rückwirkung in Vorträgen, Aufſätzen oder durch lebhafte Be-
teiligung an dem Unterricht8geſpräc wäürden.
Goethe iſt uns - auc< hierin das ſchönſte Muſter: er hat
ſeine tiefſten Erlebniſſe jahrelang in ſeinem Herzen bewahrt und
verborgen, bis ſie heranreiften zu den leuchtenden Gebilden ſei-
ner Dichtungen.
Dieſe Überlegungen zeigen, daß man hinſichtlich des Tätig-
feit3grades folgende Stufen unterſcheiden kann:
1. Völlige Untätigkeit -- äußerlich und innerlich. Die
gibt e3 zwar an und für ſich nur im traumloſen Schlaf, dev
überdies no< umſtritten iſt. Denn Aktivität, Tätigkeit iſt das
Weſen de8 Geiſtes. Schon das Wahrnehmen der Umgebung,
das bei offenen Augen beinahe unvermeidlich iſt, erfordert
ſeeliſ -- Aber, wenn auch nicht an ſich, hinſichtlich eines beſtimmten
Gegenſtande3s gibt e8 ohne Zweifel auch gänzliche Paſſivität.
Wenn z. B. ein Schüler, während der Lehrer Schillers Jung-
frau von Orleans erklärt, überhaupt nicht hinhört, ſondern
ſich im ſtillen mit einer ganz anderen Jungfrau beſchäftigt,
die er aus der Tanzſtunde kennt, ſo iſt er hinjichtlich des Unter-
richt3 völlig untätig.
2. Äußere Tätigkeit ohne innere Beteiligung, 3. B.
beim mechaniſchen, unaufmerkſamen Abſchreiben oder beim Her-
leiern von Auswendiggelerntem |

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