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G löckner.
unberechtigt. Die Herbartianer stehen dazu nicht anders als alle anderen
Christen, d. h. wahrscheinlich sehr verschieden, je nachdem jemand zum
Christentum steht. Die Herbartische Philosophie bestimmt darüber gar
nichts, sondern sie überläßt die Entscheidung denjenigen Instanzen, von
denen allein sie abhängen kann, einem großen Teile nach also historischen
Fragen. *)
Wenn anderseits im Laufe der Zeit sich mehrfach grobsinnliche Vor
stellungen von göttlichen und sittlichen Dingen gebildet hatten, daß man
etwa die Sünde als eine Substanz und die Erlösung als einen materiellen
oder magischen Vorgang ansah rc., so hat die Theologie nicht erst aus
die Philosophie gewartet, sondern derarüge grobe Verstöße selbst nach
der Unterweisung des Stifters korrigiert. — Auf solche Fragen, welche
die Interna der positiven Religion betreffen, von den Herbartianern eine
besondere Antwort zu erwarten, das hängt mit einer falschen Auf
fassung dep Philosophie überhaupt zusammen. Die Philosophien freilich,
welche in unserm Jahrhundert als herrschende angesehen wurden, ver
dienten oft keine andere Beurteilung als nach dem theologischen Maßstab;
sie waren und wollten zuerst Theosophie sein. Darum hat sie auch gar
bald ihr Schicksal erreicht. Weniger zwar die Einsicht in das Wider
sprechende ihrer Fundamente, als die unliebsamen Konsequenzen haben
der Welt und der Theologie die Augen über das Verderbliche derselben
geöffnet. Es ist staunenswert genug, daß man noch immer nicht völlig
darüber im Klaren zu sein scheint und noch immer von der Philosophie
eine absolute Erkenntnis verlangt und erwartet. „Die Philosophie ist
die Wissenschaft der Prinzipien, die Auffassung aller Erscheinungen in
ihrem inneren Zusammenhang, nach ihrer Ursache und ihrem Ziel (somit
absolute Welterkenntnis, insbesondere die Erkenntnis der Herrlichkeit
*) Es ist daher auch alles, was ich über Glaube. Taufe rc. im Protest
gesagt habe, nicht so zu verstehen, als wäre das die durchgängige Anschauung
aller Herbartianer. Obwohl ich hoffe, darin wenigstens mit vielen der evan
gelischen Herbartianer gleicher Meinung zu sein, muß doch streng genommen
alles darauf Bezügliche nur als meine persönliche Überzeugung angesehen wer
den. Deshalb sehe ich mich auch nicht veranlaßt, auf die diesbezüglichen mir
widerfahrenen Verunglimpfungen meines Gegners nur mit einem Worte ein
zugehen. Nur das Eine muß ich zur Steuer der Wahrheit bemerken, daß meine
Ansicht von der Taufe („Geistesempfang ohne den Glauben ist nach der
Schrift nirgends zugesagt oder mitgeteilt") nicht sowohl ein „Wirbel" Herbarts
ist (Heft 2, S. 47), sondern vielmehr ein „Wirbel" des verstorbenen Tübinger
Theologen Prof- Beck. Vgl. dessen „Gedanken aus und nach der Schrift" S. 124.

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