Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik r». 101
dem wahren Christentum in vollkommenem Einklang sich
befinden muß, da die Wahrheit nur Eine ist, wie viel
fach auch ihre Erscheinungsformen sein mögen. Über Herbarts
persönliches Verhältnis will ich nur das Eine bemerken, daß man sehr
gewöhnlich die irrtümliche Annahme hegt, er wisse nichts von Gott und
Seinem Wort, weil er nicht, wie die Sophisten unserer Tage, über so
Erhabenes und Heiliges leichtsinnig schwatzen mag; und das Andere, daß
man sich ebenfalls irrt, wenn man seine religiösen Ansichten und die
Stellen von christlichem Klang und Gehalt in seinen Werken als außer
Zusammenhang mit seinen sonstigen Anschauungen befindlich hinstellt. Er
sagte darüber selbst einmal: „Sie kennen meine Untersuchungen genug,
um zu wissen, daß ich Ihnen nicht etwa beliebige Ansichten schreibe, die
ich nach Umständen verändern könnte." Die Herbartische Schule
aber leistet dem Christentum die allerwichtigsten Dienste,
1. durch Widerlegung ihrer hauptsächlichsten Gegner, Pan
theismus, Deismus und Materialismus. (Vgl. Thilo, „Die
Wissenschaftlichkeit der modernen spekulativen Theologie in ihren Prin
zipien beleuchtet"; Flügel, „Die spekulative Theologie der Gegenwart";
derselbe, „Das Wunder und die Erkennbarkeit Gottes"); dementsprechend
2. positiv durch die Apologie eines lebendigen persön
lichen Gottes und einer individuellen Unsterblichkeit und
Darbietung einer reinen Moral; 3. nicht zum wenigsten
eben dadurch, daß sie sich ihrer Grenzen bewußt bleibt,
d. h. hier, indem sie dem positiven Christentum völlig freien
Raum läßt und sich nicht voreilig eindrängt, den Lehren und
heiligen Handlungen desselben besondere Deutungen unter
zulegen. Also nochmals: die Stellung zum positiven Christen
tum hängt nicht von philosophischen Fragen ab, sondern von
historischen Untersuchungen, namentlich der neutestamentlichen
Schrift und von den persönlichen Erfahrungen des Einzelnen
und der ganzen Christenheit. Eben darum haben auch solche, die
persönlich der Philosophie Herbarts ganz ferne stehen, gemeint, ihre
Position sei die günstigste, welche eine Philosophie zum Christentum ein
nehmen kann. cfr. I. H. Fichte in der Zeitschrift für Philosophie und
spekulative Theologie Bd. XIV, S. 1O0. Philosophie und Christentum
haben es also mit zwei ganz verschiedenen, aber gleichberechtigten Gebieten
zu thun. Die Theologie aber kann keineswegs den Anspruch erheben,
normative Wissenschaft zu sein; auch kann sie den Anspruch keineswegs

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