118 In welcher Weise eine Schule des vorigen Jahrhunderts
Nähe heilige Andacht zu walten pflegt. Die Anbetung vor dem gott
seligen Geheimnis, die im allgemeinen Holbein tiefer und inniger
behandelt haben mag als der Italiener, ist doch auch hier wahrhaft herz
bewegend; das wonnige Muttergefühl eines sinnigen Frauengemüts, das
innerlich arbeitet und demütig in der Glorie dasteht, und dabei der
wahrhaft weltbeherrschende Blick des göttlichen Kindes — das ist eine
Predigt ohne Wort, ein Zungenreden, das sich wohl eignet anzulocken,
zu wecken, zu entzünden.
Sorgen wir nun, daß neben dem Zungenreden der Kunst die Weis
sagung, die gläubige Verkündigung der Heilsthaten Gottes erhalten
bleibe, ja kräftiger erschalle, sie, auf die dies Jahr als Luther-Jahr die
Deutschen vor allen mächtig hinweist. Ko.
In welcher Weise eine Schule des vorigen Jahrhunderts ein
Luther-Jubiläum beging.
Da wir in diesem Jahre so glücklich sind, eine Luther-Säkularfeier
begehen zu dürfen, möchte es nicht ohne Interesse sein zu hören, wie
ein treuer Schulmann im Jahre 1717 darauf bedacht war, den Segen
eines solchen Festes seinen Schülern zu sichern.
Johann Christian Thomä, Rektor der Stadtschule zu Neustadt
an der Heide*) (jetzt gewöhnlich „Neustadt bei Coburg" genannt) beschreibt
es uns in seinem auch sonst wertvollen Buche „Licht am Abend" vom
Jahre 1722. Drei Tage waren im damaligen Fürstentum Coburg für
die kirchliche Feier des Reformations-Jubiläums bestimmt. Thomä
erbat sich die Erlaubnis, einen vierten hinzufügen zu dürfen, um „in
einem besondern Aktus mit den Schulkindern das ganze Leben Lutheri
bei öffentlicher Versammlung in einigen Reden vortragen" zu lassen.
Seine Bitte wurde gewährt, und so fiel sein Schulfest auf den 3. No
vember. Er verfügte sich früh „nach dem andern Zeichen nebst den
ausgelesenen Knaben bei aller Stille" in die Superintendentur. Als es
anfing „auszuläuten", ordnete sich der Zug. Voran schritten acht Knaben
von fünf bis sechs Jahren mit ihrem Klassenlehrer. Sie waren in
*) Ich erlaube mir nur die Bemerkung, daß in der Zusammensetzung „Neu
stadt an der Heide" das Wort „Heide" stets mit ei (oder ey), nie mit ai geschrieben
wurde, und daß der Herzog von Coburg ausdrücklich verordnet hat, daß man
sich durch die neue Orthographie nicht verleiten lasten solle, Coburg mit K zu
schreiben. K. H.

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