über die dortigen Schulverhältnifse.
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der Simultanschule, der auf dem Lehrertage großen Beifall erntete.
Nach etlichen Wochen brachte die „Pädagogische Zeitung" einen Artikel
unter der Überschrift: „Aus entgegengesetzten Lagern", in welchem sie
sich gegen die Angriffe verteidigte, die der Vortrag des Herrn Pfeiffer
im „Reichsboten" und in der „Volkszeitung" gefunden hatte. Letztere
nennt sich das „Organ für jedermann aus dem Volke" und böse Zungen
behaupten, daß man sich zu „Volke" das Wort „Israel" hinzudenken
müsse. Diese Zeitung hatte es merkwürdig gefunden, daß Pfeiffer
die seltsame Lehre vorgetragen, daß die Simultanschule einen christlichen
Charakter haben müsse, und gesagt: „Die völlige Separation des
Religionsunterrichts von den übrigen Lehrfächern ist der beste Beweis
dafür, daß die Simultanschule auch bezüglich des allgemeinen Unterrichts
das Prinzip der Konfessionslosigkeit acceptiert. Wie kann man da öffent
lich und noch dazu auf einem allgemeinen deutschen Lehrertage von einem
christlichen Charakter der Simultanschule faseln? Man sollte sich über
haupt auch für die Simultanschule nicht so erhitzen, welche die Quelle
von unsäglichen Streitereien und Willkürlichkeiten bildet."
Hier mußten sich also die christlichen Lehrer von einer jüdischen Zeitung
sagen lassen, daß in der Simultanschule die Religion in die Ecke gestellt
ist, daß es Faselei sei, von einem christlichen Charakter der Simultan
schule zu reden, und daß die Simultanschule die Quelle unsäglicher
Streitereien bildet. Die Simultanschulfreunde sind auf politischem Ge
biete mit der Fortschrittspartei ziemlich identisch. Von den siamesischen
Zwillingen hat man behauptet, sie würden beide gestorben sein, wenn
man sie getrennt hätte. Von dem Zwilling „Fortschritt und Judentum"
würde bei etwaiger Trennung nur der erstere sterben, denn das Juden
tum könnte zwar ohne den Fortschritt, der Fortschritt aber nicht ohne
das Judentum existieren. Deshalb hatte auch die „Pädagogische Zeitung"
nichts Eiligeres zu thun, als sich bei der Volkszeitung in folgender, höchst
klassischer Weise zu entschuldigen: „Wo die Majoritäten der Volksver
tretungen, wie in Deutschlands Reichstage und Landtagen, so konfessionell
gesinnt sind, als es heute der Fall ist, daß ihnen selbst die mildeste
Form der Simultanschule noch zu fortschrittlich *) ist, da kann man doch
wohl einem deutschen Lehrertage nicht zumuten, daß er zu Liebe von
Kulturzuständen, für welche durch Jahrzehnte oder vielleicht gar Jahr
hunderte lange Geistesarbeit der gesamten Nation erst noch die Vor-
*) Es ist also richtig, wenn oben die Simultanschulfreunde mit den politischen
Fortschrittlern identifiziert wurden.

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