Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik rc. 271
vollkommen klar durchgebildeten Begriffssystem verbindet, ja wohl eben
von einem solchen sehr begünstigt wird.
Irre ich nicht, so nimmt man gegnerischerseits bei unserer Auf
fassung der Individualität vor allem daran Anstoß, daß wir die Seele
als einfaches Wesen hinstellen und sie nicht ursprünglich mit verschiedenen
Vermögen oder Kräften ausgestattet denken. Rücksichtlich dieser Frage
verweise ich wiederum auf die Ausführungen des Herrn Grabs, Schlesische
Schulzeitung, 1882, Nr. 17* *). Es hat übrigens diese Frage für die
Pädagogik gar keine große Bedeutung, sofern man nicht die Seelenver
mögen im Sinne der älteren Psychologie auffaßt. Denn „für die empirische
Psychologie, die allein für die Pädagogik in Betracht kommt, ist es von
keinem großen Belang, ob man wie Herbart die Kräfte der Seele aus
der Qualität der Seele ableitet, die ursprünglich nicht Kraft ist, oder
ob man die Kräfte ursprünglich annimmt. Da können wir uns vereinigen
und sagen: sie leisten dasselbe"**) (Grabs). Oder man bezieht sich
vielleicht auch auf die Frage, die Herr Seminar-Direktor Heine angeregt
hat, daß die Herbartianer sich um den Einfluß der Sünde auf das Seelen
leben nicht bekümmerten. Vermißt man in unserer Pädagogik
die Rücksichtnahme auf das Böse, das gewiß einen sehr
gewaltigen Einfluß auf das Seelenleben ausübt? Ich
wüßte doch nicht, ob mit Recht. Es wäre wünschenswert, wenn
man auf der anderen Seite zunächst erst einmal diesen
Einfluß näher bestimmte; dann könnten wir dazu Stellung
nehmen.
Aber wagen wir uns noch etwas weiter hinaus in das „wirbelreiche"
Gebiet der Herbartischen Pädagogik***). Die Pädagogik als Kunstlehre
der rechten Erziehung ist bei Herbart im Zusammenhange der praktischen
*) Daß die eigentümlichen „Anlagen" der Schüler nicht auf besonderen
Anlagen der Seele allein beruhen, sieht man z. B. aus den sehr häufigen That
sachen, daß Schüler nach einer heftigen Krankheit zuweilen alte Anlagen verloren
oder auch ganz neue gewonnen haben. Die „Anlage" beruht also nicht auf einer
einseitigen, sich immer gleich bleibenden Thätigkeit der Seele, sondern auf den
Wechselbeziehungen zwischen Leib und Seele.
*) Herr Lettau scheint überhaupt nur die empirische Psychologie zu kennen
oder sie doch für die einzig berechtigte zu halten unter Nichtachtung der spekulativen
oder rationellen Psychologie, denn nach ihm gehört die Psychologie nicht zur
„reinen" Philosophie. Heft 2, S. 43.
*) Mit dem Worte: „Herbartische Wirbel!" liebt nämlich Herr Lettau zu
schlagen. Ich werde deshalb im folgenden diese Stellen zur Warnung kennzeichnen.

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