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Glöckner,
Philosophie gleichsam ein Zweig, der aus dem gemeinsamen Stamme
der Ethik herauswächst und einer eigenen Entwickelung fähig und bedürftig
ist. Aus der Ethik entnimmt sie daher auch ihr Ziel. (Es ist nicht
korrekt, bei Herbart von mehreren Zwecken der Erziehung zu reden,
wiewohl er selbst durch seine Ausdrucksweise hier und da solchen Miß
verstand veranlassen mag.) Aber freilich, Herbarts Ethik soll nicht „voll
und ganz auf dem Grunde des Evangeliums ruhen, sie ignoriert so gut
wie vollständig die Hauptthatsachen der Geschichte und Erfahrung: nämlich
die Erbsünde und Erlösung. Darum versteht und verwertet sie nicht den
Gedanken von der Einheit des Menschengeschlechts und den des innigen
wunderbaren Lebensbandes (unio mystica) zwischen Christo und seinen
Gliedern rc." Über diese Punkte habe ich bereits im Anfang gesprochen;
hier noch einige Worte rücksichtlich der Ethik. Gegen eine Ethik den
Vorwurf erheben, daß sie Geschichte und Erfahrung nicht berücksichtigt,
heißt doch nichts anderes, als behaupten, sie sehe ab von der Frage, ob
und wie das Gute in der Welt entstehe und verwirklicht werde. Aber
diese Frage ist eine Nebenfrage im Vergleich zu der Hauptfrage der Ethik,
um die es sich zuerst handelt, nämlich den Begriff des Guten selbst fest
zustellen. „Um Einsicht in die Entstehung des Guten zu gewinnen und
diese Entstehung nicht etwa mit der Entstehung von etwas anderem zu
verwechseln, muß man zuvor ganz genau wissen, was gut und was böse
ist, und bedarf also eines Kriteriums desselben. Ein solches Kriterium
zu gewinnen, darauf ist Herbart bedachtsam zuerst ausgegangen, und die
Frage danach bildet den Hauptpunkt seiner Grundlegung". (Allihn.) Daß
man auf dem Standpunkte unserer Ethik die christlichen Ge
danken nicht verstehen und verwerten könnte, ist eine ungegründete Be
hauptung. Dagegen entsprechen die Prinzipien derselben der
Anschauung des Neuen Testamentes durchaus. Daß endlich
die Selbständigkeit der praktischen Philosophie gar wohl verträglich ist
mit der Stellung des Christentums, siehe Thilo, Theologisierende Rechts
und Staatslehre, S. 151 ff.
Welches Ziel stellt nun aber die Ethik auf? Ihr höchstes Ideal
ist die Tugend oder die Liebe im christlichen Sinne (die nicht auf das
Wohlwollen zu beschränken ist). Tugend ist nämlich da vorhanden, wo
der Wille der richtigen sittlichen Einsicht genau entspricht und in Gehorsam
und Demut ausführt, was diese vorbildet, und wo dies Verhältnis in
einer Person bei allem ihrem Streben und bei allem Widerstand, auf
den sie bei ihrem Handeln stößt, dauernd aufrecht erhalten wird. Die

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