Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik rc- 273
Tugend aber ist ein Ideal, das als solches nie erreicht wird. Sie ist
von übermenschlicher, göttlicher Art. Gott ist die Liebe. Er ist wahrhaft
gut. Die Tugend bleibt auch dann von göttlicher Art, wenn sie unter
dem Drucke des irdischen Lebens leidet, woran sogar das blöde mensch
liche Auge gerade ihre Kraft erprobt. So war Christus Gott
gleich und rein von Sünde und offenbarte das göttliche
Wesen als Heiland und Mittler der Menschen; er verleiht
ihnen auch als solcher Kraft für das Streben zur Tugend.
Einen solchen Antrieb können die sittlichen Ideen für sich
nicht geben, denn sie sind an sich machtlos und tragen keine
den Willen treibende Macht in sich. „Keine Lehre in der
Welt ist im stände, den Menschen vor Leiden, vor Über
tretungen, vor innerem Verderben zu sichern. Das Be
dürfnis der Religion liegt am Tage; der Mensch kann sich
selbst nicht helfen, er braucht höhere Hülfe". (Herbart.) Aber
selbst dadurch wird dem Menschen während seiner irdischen Laufbahn bloß
das persönliche Streben zur beharrlichen Vereinigung von Einsicht und
Wille möglich, und dies Streben ist Sittlichkeit. Es kann sich daher
auch in der Erziehung nur darum handeln, ein in dem ganzen Inneren
des Zöglings lebendiges Streben hervorzubringen, ein Streben, dessen
Art und Richtung dem idealen, in der Tugend liegenden Ziele entspricht,
und das nennen wir Charakterstärke der Sittlichkeit. Dies
Ziel ist natürlich ein religiös-sittliches. Denn alle Beziehungen der Ethik
zur Pädagogik finden für den durchgebildeten Erzieher ihr Spiegelbild
in der Religionslehre. Sobald derselbe in der Gottheit das Ideal der
Persönlichkeit vollkommen realisiert findet, ist jede ethische Forderung für
ihn zugleich eine religiöse, weil auch Gott das Gute will. Der göttliche
Wille spezialisiert und verdeutlicht sich ihm gerade in bestimmten ethischen
Forderungen. Somit erscheint dem Erzieher seine ganze Thätigkeit rück
sichtlich ihres Zweckes zugleich unter dem Gesichtspunkt, daß er das
Göttliche in der Brust der Kinder zu pflegen und sie zur Ehre Gottes
zu erziehen hat. Wo ferner Charakterstärke der Sittlichkeit fehlt, kann
es auch nicht dahin kommen, daß ein Mensch dem Spruch gehorsam sei:
Gieb mir, mein Sohn, dein Herz. („Wirbel") Denn dies erfordert
einen entschiedenen, auf das Gute gerichteten Willen gegenüber den viel
fachen Versuchungen zum Bösen. (Dabei ist natürlich keineswegs
ausgeschlossen, daß diese Charakterstärke selber erst mit
Hülfe des H. Geistes erworben und jederzeit aufrecht er
halten wird.) 10

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