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Glöckner,
Soll aber das Ziel der Erziehung erreicht werden, so müssen die
beiden Elemente der Tugend, Wille und Einsicht, in derselben Person
geweckt werden. Denn ein Wille ohne die entsprechende sittliche Einsicht,
der also nur aus Gewöhnung oder aus Furcht handelt, hat keinen sitt
lichen Wert. Deshalb muß auch erst Einsicht in das Gute auf Grund
selbstthätiger Urteile vom Zögling erworben werden, oder mit anderen
Worten, es muß bei ihm die Überzeugung von dem unbedingten Werte
des Guten vorhanden sein, ehe von ihm ans sittliche Anforderungen an
ihn entstehen. („Wirbel") Selbstverständlich soll das Thun des Rechten
bis dahin nicht unterbleiben, nur ist das Handeln, so lange die
Einsicht fehlt, sittlichen Wertes ledig. Ebenso würde die
richtige sittliche Einsicht ohne ein entsprechendes Wollen und Handeln
eher mißfällig als wohlgefällig sein. Es darf daher nicht fehlen an
echtem Wollen, dessen Gegenteil alles schwankende und mattherzige Streben,
Laune, Unselbständigkeit, Furcht, Feigheit ist. Es muß ferner für die
Bildung der rechten Einsicht gesorgt werden. Daran fehlt es vor allem
dann, wenn an Stelle derselben eine bloße Stimmung des Gefühls oder
nur eine einzelne Seite und Richtung davon, wo nicht überhaupt eine
allgemeine Roheit des Gemütes, also ein Geisteszustand ohne allen idealen
Gehalt, z. B. in der Form bloßer Meinungen und Ansichten vorhanden,
ist. Fehler entstehen ferner dann, wenn statt des persönlichen Wollens
bloß ein vereinzeltes, zerstreutes, unzusammenhängendes Wollen hervor
tritt, ja vielleicht ein sich widerstreitendes; oder wenn irgend eine Art
von Einseitigkeit sich geltend macht, wenn man also etwa bloß rechtlich
oder bloß gütig sein will. Daher bedarf es auch einer „festgefügten
Systematisierung der sittlich-religiösen Urteile"; sonst ist wenigstens die
Gefahr zu befürchten, es möchte an der richtigen Einsicht fehlen und
daraus moralische Fehler entstehen. („Wirbel")
Dies unser Erziehungsziel soll nun aber ganz und gar nicht stich
haltig sein, wenn man es dem christlichen Erziehungsziele gegenüberstellt,
das als „Gottähnlichkeit" bezeichnet wird. Es ist ja bekannt, daß die
Gottähnlichkeit vielfach als Ziel der Ethik hingestellt ist. Schleiermacher
suchte ja schon die platonische Ethik darauf zurückzuführen; namentlich
der neuere theoretische Idealismus, zu dessen Anhängern auch Stahl
gehört, setzt dies Ziel. Aber was haben sie für einen Gott? „Es fehlt
bei Stahl, wie bei Allen, die mit Hülfe des modernen idealistischen
Spinozismus einen persönlichen Gott beweisen wollen, nur daran, daß
er seine Gedanken vollständig ausdenkt, um bei dem wohlbekannten

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