Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik re. 277
Nehmen wir ein Beispiel am Geschichtsunterricht. Derselbe
erweckt zunächst das empirische Interesse durch bloße Mannigfaltigkeit
und Abwechselung; weist derselbe aber zugleich das Notwendige im
Zusammenhange der Begebenheiten nach, so regt er das spekulative
Interesse an; dazu wird jeder tüchtige Geschichtslehrer nicht versäumen,
den reichen Gewinn, den die Geschichte als eine Fundgrube ästhetischer
Verhältnisse Dichtern und Künstlern geliefert hat, zur anziehenden Dar
stellung zu verwenden und somit das ästhetische Interesse zu nähren.
Noch mehr liegt das Anziehende in der Sympathie mit Leiden und
Freuden der historischen Personen; auch dies wird noch überboten durch
das gesellschaftliche Interesse, welches die Schicksale ganzer Nationen
und Staaten einflößen. Und endlich giebt die Geschichte oft genug
Anlaß, aus dem irdischen Gedränge den Blick nach oben zu richten und
führt so auch dem religiösen Interesse reiche Nahrung zu. Dies ist
nicht bloß eine vollständige Induktion, woraus folgt, daß die Geschichte
ein höchst vortreffliches Bildungsmittel ist, sondern es ist hiermit auch
ein vollständig zureichendes Beispiel gegeben, welche Mannigfaltigkeit,
welche Art von Vielseitigkeit gefordert wird, wenn bei uns von Viel
seitigkeit des Interesses die Rede ist.
Zuweilen ist einerlei hinreichend, um die Hauptklassen des Interesses
mit reicher Nahrung zu versehen; in solchem Falle liegt dann aber auch
eben hierin der entscheidende Grund, weshalb ein Lehrgegenstand von
dieser Kraft als ein ganz vorzügliches pädagogisches Hülfsmittel muß
betrachtet und benutzt werden. Der geneigte Leser wird hieraus merken,
daß die Herbartische Pädagogik allein fähig ist, die F r a g e der Ü b e r -
bürdung zu lösen. Gerade an dem wunden Punkte der modernen
Schulbildung setzen Herbart und seine Schule ihr Instrument an. Mit
besonderer Sorgfalt wird das Zwischenglied behandelt, welches Wissen
und Wollen vermittelt — das Interesse, psychologische Bedingungen des
Interesse, psychologische Bedingung der Vielseitigkeit des Interesses. Da
durch wird der direkte Beweis für die erziehende Macht des Unterrichts
geliefert, wobei natürlich die Schranken, die in der Individualität ge
geben sind und die in den äußeren Verhältnissen liegen, berücksichtigt
werden. In solchem vielseitigen Interesse hat nämlich weiterhin die
vielseitige Bildung ihren Sitz, die „nicht darin besteht, daß der
Mensch die Welt durchlaufen sei oder sie umschifft habe; er könnte ihrer
müde sein; und der Ekel an allen Dingen und Beschäftigungen (Nihi
lismus), der Spleen, ist gerade diejenige Verdorbenheit, welche der Bil-

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