Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik rc. 279
diesem Zentralpunkte verschmolzen werden, dann müssen die Lehrfächer
notwendig eng in einander greifen. Das entspricht ja auch dem Interesse
in höchstem Maße, denn es geht gerade den Verknüpfungen der Gegen
stände nach. „Es ist daher von höchstem Belang, die wechselseitigen
Beziehungen der einzelnen Lehrgegenstände zur Geltung zu bringen, die
Fugen wahrzunehmen, in denen sich das vielfache Wissen und Können
berührt, aus dem die Bildung erwächst, und Auswahl, Anordnung, Be
handlung der sachlichen Materien mit Rücksicht auf die Gesamtwirkung
des Unterrichts zu bestimmen." Und gerade hieran fehlt es so sehr in
unserer Zeit. „Die Lehrpläne leiden nicht an Unwissen
schaftlichkeit, sondern an unorganischer Aufschichtung des
Wissensstoffes, an Mangel der didaktischen Gliederung.
Man vermeint die Bildung durch Addition der Bildungselemente zu er
zeugen, man ist bedacht auf das, was man den Körper der Bildung
nennen könnte, und erwartet, daß die Beseelung nicht ausbleiben werde,
wenn jener hergestellt ist. Aber mit dem Summieren ist das Ver
schmelzen noch nicht gegeben, Zusammenwohnen ist noch nicht Eintracht."
(Willmann). Die Anhäufung toten Wissens dient der Charakterstärke
nicht; da kann freilich viel eher Charakterstärke bei wenig Wissen vor
handen sein, wenn nur der Gedankenkreis wohl konzentriert zusammen
wirkt. Erst wenn die Bildung mit konzentrierter Kraft den Willen an
treibt und ihren Einheitspunkt im Sittlich-Religiösen hat, ist wahre
Bildung vorhanden.
Es wird gut sein, diese Gedanken noch etwas weiter zu verfolgen
und am Religionsunterricht zu erläutern. Aus dem bisher Ge
sagten ergiebt sich nämlich die Forderung an das Lehrversahren, dem
Kinde im Unterricht einen Schwerpunkt zu geben, bestehend aus einem
klassischen Stoff, welcher, dem kindlichen Gedankenkreise angemessen, sein
Interesse aufs höchste spannt und vielseitig anregt und die tiefgehendsten
religiös-sittlichen Anregungen im Gemüt des Kindes zurückläßt. Hier
erfaßte nun mit der Sicherheit genialer Apperception Herbart und noch
energischer Ziller den Gedanken Pestalozzis: den Gang der Entwickelung
zu Grunde zu legen, den die Menschheit nahm und welche der Mensch
von Kindheit noch nehmen muß, um mit Bewußtsein dahin zu gelangen,
wo wir jetzt sind, und von hier aus weiter streben zu können. Der Reihe
nach soll der Jugend der Fortschritt der menschlichen Gesellschaft zum
Bewußtsein gebracht werden; von Stufe zu Stufe soll sie sich getrieben
fühlen, weiter zu schreiten; sie soll die Weltbilder der einzelnen Epochen

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