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Glöckner.
nicht nur verstehen, sondern auch wenigstens ahnen, daß sie über sich
Hinausweisen. Dazu ist erforderlich, daß die Aufmerksamkeit nicht nur
auf die Personen und Vorgänge, sondern hauptsächlich auf Zustände und
Verhältnisse gelenkt werde. Um dieser Forderung zu genügen, muß unter
den „klassischen Welt- und Völkergaben" das Buch der Bibel zuerst ins
Auge gefaßt werden. Die Patriarchengeschichte, die Richterzeit, die Königs
geschichte, das Leben Jesu (einschaltungsweise einiges aus den Propheten)
und die Apostelgeschichte zeigen eine psychologisch notwendige Entwickelung
der Menschheit. Der biblische Unterrichtsstoff ist also ganz
vorzüglich im stände, den Schwerpunkt im Unterricht der
Volksschule oder, wie die Herbartianer sich ausdrücken,
„die herrschende Vorstellungsmasse" zu bilden. Es genügt
aber durchaus nicht, wenn der auf das Religiöse sich beziehende Gedanken
kreis in sich ausgearbeitet und abgeschlossen ist; er muß, wenn auch nicht
gerade alles beherrschen und durchdringen, so doch mit allem in innige
Verbindung gesetzt werden, was das Gemüt des Menschen in Bewegung
setzt*); nur dann wird er eine Macht in der Seele des Menschen bilden,
welche in alle anderen Gedankenkreise eingreifen und sie nötigenfalls aus
dem Bewußtsein zu entfernen vermag. Aus diesem Grunde ist auch ein
isolierter Katechismus-Unterricht durchaus zu verwerfen.
Vielmehr muß das Material desselben stückweise, so oft sich
Gelegenheit darbietet, aus der biblischen Geschichte her
ausgearbeitet und das, was zusammengehört, zusammen
gestellt werden. Wenn dann im letzten Schuljahr der Katechismus
selbständig auftritt, so kann er sich auf eine breite empirische Basis be
ziehen und gewinnt dadurch ein ganz anderes Gewicht, als es jetzt in der
Regel der Fall ist. „Durch diese zentrale Stellung, die die christliche Ge
sinnung in der Kulturgeschichte einnimmt, und dadurch, daß das Religiös-
Sittliche mit Vorstellungskreisen in Verbindung gesetzt wird, die von an
deren Unterrichtsgegenständen begründet werden, wird der christliche Re
ligionsunterricht aus der Isolierung heraustreten, die ihm im Verhältnis
zu den übrigen Unterrichtsfächern im Widerspruch zu dem Geiste der
Reformation durch den modernen Zeitgeist (z. B. in der Richtung der
konfessionslosen Schule) [selbst bei denen, die dagegen opponieren, zum
*) Zur Berichtigung. Ich habe im Protest 1882, Heft 11, S. 333 als er
läuterndes Beispiel die Behandlung der Odyffee angeführt. Den betreffenden
Paffus habe ich irriger Weise Ziller zugeschrieben; er rührt vielmehr von Dir.
Barth her.

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