Noch einige Worte über Herbarts Philosophie und Pädagogik rc. 281
großen Teil infolge pädagogischen Ungeschickes, aber allerdings auch
infolge des Mangels an der rechten philosophischen Bildung aufgenötigt
worden. (Ziller.)
Der Leser entscheide nun, ob man recht thut, wenn man
die von uns erstrebte Bildung mit Intelligenz identifiziert
und deshalb den Herbartianern Intellektualismus vorwirft;
wenn man diesen Vorwurf auch darauf gründet, daß der Pestalozzische
Anschauungsunterricht seine Mängel habe, besonders im Gesinnungsunterricht,
während Ziller gleich im ersten Jahrbuch für wissenschaftliche Päda
gogik 1869 eine Abhandlung geschrieben hat: „Inwiefern hat der
Pestalozzische Anschauungsunterricht dem Gesinnungsunter
richt geschadet?"; ob man recht thut, wenn man ferner gar behauptet,
Intelligenz stehe den Herbartianern höher als Religiosität, und das auf
Grund solcher Äußerungen Zillers: „Volle Ruhe und dauernden
Frieden können die religiösen Gefühle für sich allein nicht
geben" (weil sie nämlich, wie alle Gefühle, von flüchtiger und unbe
ständiger Art sind), und „das Glück der inneren Ruhe und Zufrie
denheit, das uns treu bleibt unter allen Schicksalen und
Glückswechseln, erlangt man nur durch wahre Bildung." Kann
hierin etwas Anstößiges liegen, wenn man weiß, was wir
unter wahrer Bildung verstehen? Der Leser möge ferner entscheiden,
ob wir mit Falks „Allgemeinen Bestimmungen", denen wir den
Krieg erklärt haben (Vgl. Dörpfelds*) Arbeiten auf diesem Gebiete,
besonders dessen neueste Schrift: „Zwei dringliche Reformen im Real
unterricht und im Sprachunterricht"), auf gleiche Stufe zu setzen sind; ob
die Charakterstärke, welche die Herbartianer fordern, dieselbe ist, wie sie Lykurg
fordert, (vgl. Thucydides I, 84, 4) ob die naiösicc der Athener mit der
Fülle und Vielseitigkeit des Interesses, das wir erstreben, zu identistzieren
ist und was unsere Charakterbildung mit den Pythagoräern zu thun hat.
cf. Fragmenta philosophorum Graecorum, ed. Mullach, Paris 1860.
Die Herbartische Pädagogik will — so sagt ein gefeierter
Pädagog — wie ein gotischer Bau betrachtet sein, der als
ein großes originelles Kunstwerk dasteht, wenn auch nicht
alle Teile bis ins Kleine ausgearbeitet und jedem ohne
weiteres verständlich sind; als ein Denkmal, zu dem alle,
die selbst weiter bauen wollen, hinwandern sollen und an
*) Rektor Dörpfeld gehört bekanntlich zum Vorstande des Vereins für
wissenschaftliche Pädagogik, welcher von Herbart ausgeht. D. Red.

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