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Classen, Bildung
er doch selbst Student gewesen, zugeben, daß Studenten eine ganz andere
geistige Reife als Seminaristen besitzen; daß vieles den Studenten zu
gute gehalten werden kann, wenn sie sich, wie der Herr Pastor sich aus
zudrücken beliebt, in germanischer Weise austoben, was Seminaristen,
welche auch bereits in der Übungsschule als Lehrer wirken, nie und
nimmer gestattet werden darf. Gewiß steckt in unseren Seminaristen
„viel guter Wille, treuer Fleiß und gute Arbeitskraft"; aber wenn diese
guten Eigenschaften zu gesunder Frucht ausreifen sollen, dann ist Zucht
nötig, wie sie am vollkommensten und doch mildesten das Internat ge
währen kann.
IX. Dieser Satz enthält schwere Vorwürfe für die jetzigen Seminar
internate, die aber, wenn sie auch begründet wären, noch lange nicht den
Stab über das System an sich brechen könnten. Angenommen, der Herr
Pastor hat ein schlecht geleitetes Internat kennen gelernt, sind darum
alle schlecht? Ich glaube mit ruhigem Gewissen sagen zu können, in
unseren Seminarinternaten sind „Koulissen" nicht notwendig; da gibts
nichts, was verheimlicht zu werden braucht, und die Behörde duldet
nichts, was verheimlicht werden müßte. Damit bin ich mit dem Herrn
Pastor einverstanden: wir leben in einer Zeit, wo man sehr aller Zucht
und Ordnung widerstrebt; aber gerade darum fordere man Zucht und
verwerfe nicht Anstalten, darin sie gut geübt werden kann. Und wenn
der Herr Pastor schreibt, „die ins Seminar tretenden Jünglinge konnten
sich bis dahin völlig ungebunden entwickeln" — was wohl auch nicht
jeder zugeben wird —, und er ein in der Präparandenbildung erfahrener
Pastor, also doch wohl selbst Präparandenbildner oder als Lokalschul
inspektor im gewissen Sinne Aufsichtsbeamter ist oder war, so ist sehr
zu beklagen, daß er als solcher die ungebundene Entwicklung seiner
Präparanden hat geschehen lassen. Die Seminare, welche von ihm solche
Präparanden erhalten haben, werden ihm dafür wenig Dank wissen.
Auch bezweifle ich das Vorkommen von Jnternatshausordnungen, die
„oft" nicht das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden. Solche
Hausordnung wird, ehe sie Gültigkeit hat, vom ganzen Lehrerkollegium
beraten und aufgestellt, vom Provinzialschulrat geprüft und dann erst
vom Provinzialschulkolleginm genehmigt. Sollten alle diese Instanzen
„oft" nicht Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden können?
X. Die Gefahren, welche der Herr Pastor bei einer straff gehand-
habten Hausordnung fürchtet, sind in Externaten in ganz gleicher Weise
vorhanden und fordern im Externat eine weit straffere Zucht als im

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