322 Der erste deutsche evangelische Schulkongreß
Kirche gehören, ist das Bestreben ausgegangen, unsere evangelische Volks
schule, die als eine der wertvollsten Früchte der Reformation bis dahin
eine Quelle reichen Segens für unser Volk, unsere Kirche und unser
Vaterland gewesen ist, zu Grabe zu tragen. An ihre Stelle soll die
sog. einheitliche (simultane) Volksschule treten, d. h. eine Schule, in der
selbst im günstigsten Falle das Wort Gottes nicht auf dem Leuchter,
sondern unter dem Scheffel steht, und durch welche die Glaubens- und
Gewissensfreiheit evangelisch-christlicher Eltern, denen das ewige Seelen
heil ihrer Kinder mehr als alles Andere am Herzen liegt, in bedeutendem
Maße beeinträchtigt wird.
Die alte Abneigung oder gar Feindschaft wider das Wort Gottes
und das Kreuz Christi ist im letzten Grunde die Triebfeder dieser Be
wegung. Alles darum auch, was nicht christlich-gläubig ist: Atheisten,
Materialisten, Sozialdemokraten, Anhänger einer sogenannten allgemeinen
Religiosität, auch Juden, zumal Reformjuden, u. s. w. sehen wir — mit
nur wenigen Ausnahmen — einig in der Verwerfung unserer evan
gelischen Volksschule und in der Bewunderung und Verherrlichung der
sog. einheitlichen (simultanen) Staatsschule. Leider aber erwärmen sich
für die letztere auch sehr viele, die im Grunde ihres Herzens besser ge
sinnt sind, und die sich nur die Folgen einer solchen Umwälzung auf
dem Schulgebiete nicht klar gemacht oder sich durch vermeintliche
Lichtseiten jener neuen Schulart — gesteigerter Patriotismus, höhere
intellektuelle Ausbildung, bedeutende ffnanzielle Ersparnis u. dgl. —
haben blenden lassen.
Mit stolzer Siegeszuversicht blicken die Gegner der evangelischen
Volksschule in die Zukunft. Von der Strömung der öffentlichen Meinung
begünstigt und auf die Gleichgültigkeit der großen Menge bauend, zweifeln
sie nicht daran, daß es ihnen gelingen werde, das gesamte öffentliche
Volksschulwesen, dessen hervorragende Bedeutung für das Volksleben sie
erkannt haben, sich und ihren Zwecken dienstbar zu machen und mit
ihrem Geiste zu erfüllen. Und allerdings ist die Gefahr für die evange
lische Volksschule eine überaus große. Leider wird dies viel zu wenig
eingesehen und beherzigt. Insonderheit läßt man sich durch die augen
blickliche Windstille beruhigen und einschläfern. In Baden und Hessen
verhielt man sich einst ähnlich. Von dorther ertönt jetzt die Klage, die
für weite Länderstrecken nur zu berechtigt ist: Wir haben keine evange
lische Volksschule mehr! Wir waren zu sicher in unserem Besitz! Wir
sind zu vertrauensselig und zu lässig gewesen!

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