544
Hoerster,
schon längst ihren rätselhaften und geheimnisvollen Schleier abgeworfen
haben, in dessen Auge aber auch schon längst erloschen ist jenes Feuer
heiliger Begeisterung für die höchsten und heiligsten Güter des Lebens?"
So man aber schon das wahrnimmt am „grünen Holz", muß man sich
da noch wundern, wenn das „dürre" in stummer Letargie dahingeht, jede
Berufsthätigkeit und alle Amtspflichten wie ein Geschäft betrachtet und
geschäftsmäßig abwickelt? „Es geht und weht ein kühler Zug durch unser
Jahrhundert", fährt Dr. Möbius fort, und wir fühlen alle wohl, daß
ein einseitiges Regiment des Verstandes arm, recht arm macht, es seiner
farbenreichsten Blüten beraubt und uns die Zuflucht verschließt, sie in des
Herzens „heilig stillen Räumen" zu suchen, wo wir noch am ersten Trost
gegen die Härten des Lebens und frischen Mut für seine Kämpfe finden."
Die Pflege des Gemüts ist eine der wichtigsten Aufgaben der Volks
erziehung, und die Volksgesangvereine haben im Volkslied eins der wirk
samsten Mittel, dem Mangel an Gemütsbildung abzuhelfen. Es macht
sich auch bereits ein Sehnen in unserer Zeit bemerkbar nach jenen stets
blühenden Gefilden des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, welchem
Boden das herrliche Volkslied selbst entsprossen ist. Freilich kann die
Förderung des Gemütslebens durch das Volkslied nur gesucht werden
in zielbewußter, energischer Arbeit, verbunden mit dem sittlichen Lebens
ernste des Vereinsdirigenten; auch ist es keine Frage, daß er dieses schöne
Ziel nur in dem Umfange und Maße erreichen wird, als die einzelnen
Mitglieder sich ihrer Pflicht bewußt sind und sie zu erfüllen trachten. Auch
die äußere Ausgestaltung des Vereins ist dabei von großer Bedeutung,
ja, ich wage zu behaupten, daß er in seiner jetzigen Form seiner idealen
Aufgabe schnurstracks entgegen arbeitet. Die Volksgesangvereine sind auf
dem Wege, ihr teuerstes Gut, das Volkslied, in bester Meinung zu verraten
und in das Grab der Vergessenheit zu bringen. Vergegenwärtigen wir uns,
wie es in den Vereinen zugeht. Die größte Zahl der Mitglieder ist in
aktiv, d. h. verurteilt zum Nichtsingen, zum Zuhören und Applaudieren
auf Vereinsfesten und zum Zahlen der Vereinskosten. Daß dabei sich
nicht ein dauerndes Vereinsinteresse entwickeln kann, muß jeder zugeben,
der nur irgendwie der Sache der Volksgesangvereine nahe gestanden hat.
In der Regel ist, selbst bei Vereinen von bedeutender Mitgliederzahl, nur
ein kleines Häuflein, welches sich dem Gesänge widmet. Sie heißen
aktive Mitglieder und quälen sich ab teils an schalen Tonspielereien oder
an zu schwierigen Tongebilden der Kunstmusik. Diese ganze Einrichtung
ist falsch.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.