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Settau,
auf jeder Seite klingt mir, wenn ich darin lese, der Jubelruf des Augusti
nus entgegen: „0 dulcis culpa, quae talem invenisti redemptorem!“
„Und wie könnte ich dann vor meinen Schülern schweigen von dem, was
mich selbst im Herzen tief bewegt hat! Wie könnte ich z. B. von Kain
oder Jakob, David re. reden, ohne darauf hinzudeuten, wie heilands
bedürftig das Menschenherz ist! Mir gefällt darum auch die Überschrift
in meiner „biblischen Geschichte" (Preuß) „Kain und Abel oder der Sünde
Fortgang." —
„Meinen Sie denn nicht," wandte ich ein, „daß, wie auch ein
Herbartianer Zillerscher Schule behauptet, darin ein starkerVerba-
lismus liegt, Kinder von früh auf an den Gedanken und das
Urteil zu gewöhnen, daß sie arme Sünder sind? Kleine
Kinder (von Schulkindern ist allerdings die Rede) könnten nicht aus eigner
Erfahrung ihre Zustimmung dazu geben, daß sie arme Sünder sind."
(s. Jahrgang 82, S. 332.)
B. „Wie? Unsere Schüler, auch die kleinsten, sollten nicht ver
stehen, was Sünde ist, sollten nicht die beiden Fundamentalgedanken
unserer evangelischen Lehre (die von der Sünde und von dem Versöhner)
und die Beziehung derselben auf sich selber erfassen — selbstverständlich
nicht in der Tiefe, wie es ein Mann vermag — können? — Bei diesem
Ihrem Einwurf treten mir alsbald zwei Erinnerungen aus meiner
eigenen Kinderzeit vor die Seele: zuvörderst, wie ich einmal — es war
in meinem siebenten Lebensjahre — meinem Vater bei Gelegenheit eines
ohne sein Wissen ausgeführten Messertausches die Wahrheit verheimlicht,
und dann, wie ich einige Zeit danach einer Frau, die Weißbrot zum
Verkauf von Haus zu Haus trug, eine Semmel heimlich aus dem Korbe
entwendet —, wie es mir danach, als ich von meinem Vater dafür
gestraft worden, noch lange auf meiner Seele gebrannt und ich es also
wohl gefühlt hatte, daß der Vater im Recht gewesen. Meinen Sie denn,
daß es in unseren Schulen auch nur ein Kind gäbe, das, wenn vom
Bösen im Menschen- bezw. im Kindesherzen (z. B. von Undankbarkeit,
Ungehorsam, Unverträglichkeit, Unfleiß, Lieblosigkeit rc.) einfach deutlich
geredet wird, nicht auch so ein gewisses Brennen im Gewissen fühlte?
Und weiter, diese unsere Kinder sollten nicht schon von der Macht des
Wortes Gottes, insbesondere von der Herrlichkeit Jesu nachhaltig bewegt
werden? Wieder kommt mir eine Erinnerung aus der eigenen Kindheit:
als einer meiner Lehrer eines Tages mir und anderen kleinen Schülerlein
vom „Jüngling zu Rain" erzählte und mit einemmale die Sonne, nach

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