„Wissenschaftliche" und „evangelische" Pädagogik. 361
sie auch in andern Disziplinen fordert? Merken Sie nicht aber hierbei
wieder die leidige Eigentümlichkeit des Herbartianismus: der menschliche
Intellekt erhält den Vortritt vor dem Gottesworte, dieses als „ergänzende"
Zuthat! Beugen wir doch fein demütig den Intellekt unter den „Gehor
sam des Glaubens". — Wie könnte ich mich, als evangelischer Christ
aus Herzensüberzeugung, je mit einer Ethik befreunden, die, ähnlich der
Herbartischen auf „philosophischem Wege" (nach Bestimmungen der
menschlichen Vernunft!) gewonnen, die samt der darauf basierten „all
gemeinen wissenschaftlichen Pädagogik" sowohl für Katholiken und Pro
testanten wie für Heiden und Juden paßt? Kann uns deutschen Lehrern
und unserm deutsch-evangelischen Volke eine andere Ethik und Pädagogik
wahrhaft frommen als die, welche ihre Fundamente und Zielpunkte aus
der Offenbarung entnommen, bestimmter gesagt, aus der in unserm
evangelischen Bekenntnis präzisierten Offenbarung? Ich meine also
eine Ethik und Pädagogik, bei der die Theologie mehr als die Philo
sophie mitzureden hat.
Ich: Ehe ich hierauf näher eingehe, kann ich nicht umhin zu be
merken, daß Sie gegen Herbart eingenommen sind, wohl gar ein Vor
urteil gegen ihn haben, und ich möchte Sie mit einem Worte Goethes
warnen: „Die Nachkommenschaft möge nicht mit eklem Zahn an den
Werken ihrer Meister und Lehrer herumkosten und nicht Forderungen
aufstellen, die ihr gar nicht eingefallen wären, hätten jene nicht so viel
geleistet, von denen man nun mehr fordert." (s. Heft 5, S. 282.)
B.: Viele große Verdienste Herbarts erkenne ich ganz vorurteilslos
an; ich habe mich ja viel mit ihm, zum teil durch meinen Lehrer Über
weg dazu veranlaßt, beschäftigt. Den „eklen Zahn" kann ich durchaus
nicht acceptieren, und was Goethes Warnung überhaupt betrifft, so muß
ich sagen: Allen Respekt vor Goethe! Aber noch mehr Respekt vor den
Forderungen der h. Schrift: „Prüfet alles rc.!" „Prüfet die Geister rc.!"
„An ihren Früchten (eine der beachtenswertesten Früchte ist die gute
oder falsche Lehre!) sollt ihr sie erkennen."
Ich: Weiter wollte ich bemerken, daß Sie mit Ihrer Gegenüber
stellung von Philosophie und Theologie in bedenkliche Regionen
gekommen sind. Was Sie sagten, riecht mir entschieden nach Stahl.
Sie würden doch wohl mit diesem nicht die „Umkehr der Wissenschaften"
fordern wollen, daß etwa die Theologie einen normativen Einfluß auf
Philosophie, Pädagogik rc. haben sollte? Sicherlich ist es Ihnen geläufig,
„daß die Philosophie zu allen Zeiten die Dogmatik beeinflußt hat rc."

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