376
Was soll noch endlich daraus werden?
dem Volksdialekt*) stammen, und dessen Provinzialismen nicht bloß
im mündlichen Verkehr der Gebildeten gebraucht, sondern auch geschrieben
und gedruckt werden. Was ich hier als Beispiele anführe, entnehme ich
ebenso, wie die oben gegebenen, meinen eigenen Erfahrungen und verwahre
mich ausdrücklich gegen den Vorwurf der Erfindung. Ich höre und lese:
„Vergesset bei dieser Kälte nicht auf die armen Postboten!" so daß der
bekannte Vers so lauten müßte: „Der Herr hat auf mich nie vergessen,
vergiß mein Herz auf ihn auch nicht." „Er hat sich um mich angenom
men." „Er interessierte sich um dich." „Man hat die Frage unter
worfen." „Man hat ihn traktiert" ohne weiteren Beisatz so viel als:
„Man hat ihn geschlagen." „Er ist liegerhaft krank." „Unsere
Dienstmägde sind bekanntlich schlauderifch." Ich bitte nicht zu über
sehen, so druckt man! — Man spricht und schreibt nicht bloß „bereits
schon," sondern braucht auch das Wort „bereits" so, daß es ohne alle
Bedeutung ein bloßes Flickwort zu sein scheint. Diese wenigen Beispiele
statt vieler, die uns zu geböte stehen!
Was aber, wenn man so fortfährt, wie man angefangen, unserer
Sprache den empfindlichsten Schaden zufügen wird, das ist das Studenten
deuts ch. Wer auf die Redeweise gebildeter Männer (und leider auch
Frauen) achtet und beim Lesen unserer Zeitungen auf den Ausdruck seine
Aufmerksamkeit zu richten pflegt, wird diese Behauptung nicht übertrieben
finden. Noch vor dreißig Jahren war es allgemeine Gewohnheit der
Studierenden, mit dem Abgang von der Hochschule die ganze Studenten
sprache dahinten zu lassen, wie einst die Schiefertafel beim Übergang
zum Gymnasium. Dennoch hatten sich schon damals einige Worte
der Studentensprache in der Sprache des täglichen Lebens eingebürgert.
Das vielgebrauchte Wort „fidel" wenigstens stammt daher, und wir
gestehen, der Gebrauch desselben berührt uns stets unangenehm, besonders
im weiblichen Munde. Wie klingt das, wenn eine junge Dame sagt:
„Mein Schwager ist ein kreuzfideles Haus"?**) Später ist aus der
selben Quelle das jetzt fast allgemein gebräuchliche Wort „pumpen" an
statt „leihen" eingeschleppt worden, so daß man in Dorffchenken angeschrieben
finden kann: „Hier wird nicht gepumpt." — Jetzt aber wird es immer
gewöhnlicher, daß Männer aller Fakultäten die Sprache, welche sie auf
*) Sind die angeführten Proben wirklich Erzeugnisse des eigentlichen Volks
dialekts? und ist dieser in seiner ursprünglichen Frische nicht dazu wohl geeignet,
die Schriftsprache immer zu ergänzen und neu zu beleben? Die Red.
**) Noch häßlicher ist das „famos" im Munde junger Mädchen. Die Red.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.