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Die Textrevision des kleinen Katechismus
heiten der jetzt vorhandenen Textgestaltungen dürfte schon in Luthers
Änderungen bei den auf einander folgenden Auflagen und Ausgaben
liegen. Daher gilt es zunächst festzustellen: was haben Luthers Original-
Ausgaben in Übereinstimmung? was fehlt ihnen gemeinsam? wo schwankt
Luther selbst? was hält er in der Ausgabe letzter Hand fest? So er
halten wir einen festen Luthertext. Diese Seite der Sache ist eine rein
philologische. Die Mittel zur Lösung sind in den Original-Ausgaben
Luthers vorhanden, deren zwei erste schon im Jahre 1529 erschienen.
Leider blieb uns von keiner derselben ein Originaldruck, doch ist der
Wortlaut durch einen hochdeutschen Erfurter und einen Marburger Nach
druck aus demselben Jahre, eine gleichzeitige niederdeutsche und eine latei
nische Übersetzung, die freilich in manchen Einzelheiten von einander ab
weichen, erhalten. Es fehlt hier noch die -Anrede' beim -Vater Unser'
und beim fünften Hauptstück die Frage,wie kann leiblich Essen—solch groß
Ding thun?' Wieder abgedruckt ist der kleine Katechismus von 1529 sowie
die Ausgabe von 1539 durch Harnack. Den Wittenberger Original
druck von 1531 hat Schneider, den von 1542, die entscheidende Aus
gabe letzter Hand, Calinich wiedergegeben. Diese drei letzten Ausgaben
von 1531,1539 und 1542 sind bis jetzt nur je in einem Originalexemplar
wieder aufgefunden. Endlich tritt zu diesen kritischen Hilfsmitteln der
schon vor dem kleinen unter dem Titel „Deutsch Katechismus" im Mai
1529 erschienene große Katechismus.
Mit der Feststellung des wirklichen Luthertextes ist die Aufgabe der
Revision keineswegs zu Ende geführt. Aus den eigenartigen zeitgeschicht
lichen Beweggründen, von denen Luther bei der Gestaltung des Textes
geleitet wurde, ergibt sich von selbst eine weitere Forderung. Das Be
stimmende für ihn ist vielfach die Rücksicht auf die damaligen Bedürfnisse
der Kinder, Schwachen, Einfältigen — -daß man ihnen kein Ärgernis
- gebe und alles, was ihnen dienstlich sei, belasse' (Köstlin). So behielt er
auch solche herkömmliche Formen bei, welche ihm an sich nicht die rich
tigsten schienen, so z. B. die volksübliche Wortstellung -Vater Unser' (das
Volk sagt: der Glaube, das Vater-Unser), während er in der Bibel
übersetzung -Unser Vater' hat. Nun entstehen die Fragen: wo hat Luther
dem herkömmlichen, gewöhnlichen, volkstümlichen und in seiner Zeit
üblichen und eingewurzelten Wortlaut mit voller Absicht ein Opfer
gebracht? wo absichtslos und zufällig? wo auf Kosten der Richtigkeit
oder Deutlichkeit des Gedankens? — Diese Opfer würde man in unserer
Zeit vielleicht zurücknehmen dürfen, um sie etwa längst eingewurzelten und

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