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Lettau,
dieser Expektorationen gar nicht bedurft; ich habe von jeher eine Anti
pathie gegen diese trocken-verständige, steif-realistische Anschauung Herbarts
gehabt. Er hat mir manchmal das Wort Hamanns lebhaft in Erinnerung
gebracht: „Wo Philosophie gelesen wird, hängt die Decke vor dem Herzen
der Lehrer und Zuhörer, die in Christo aufhört." — Man sieht bei ihm
besonders deutlich, wie die Vernunft (die Philosophie) geneigt ist, den
Zustand der unvollkommenen Freiheit, in dem der Mensch sich befindet,
als einen ewig notwendigen, in der menschlichen Natur begründeten zu
betrachten, der nie anders sein wird; sie nimmt deshalb auch das Gute,
dessen der Mensch in demselben fähig ist, für das allein mögliche, daher
das wahrhafte Gute. Die christliche Religion dagegen lehrt, daß dieser
Zustand naturwidrig und Folge der Schuld der ersten Menschen ist, und
der Mensch in demselben die Fähigkeit zum wahrhaften Guten nicht
besitzt, sondern nur durch eine unmittelbar göttliche That, „Begnadigung,
Wiedergeburt, Bekehrung", gewinnen kann. Das Problem der Philosophie
ist deshalb die Willensfreiheit in der ununterschiedenen Reife der Entschlüsse,
das Problem der Theologie dagegen hauptsächlich in diesem Akt der
Wiedergeburt. Der Lehre der Philosophie, wenn wir ihre logische
Richtigkeit und Übereinstimmung hier ununtersucht lassen, widerspricht
das innerste Postulat in uns, nach welchem das Böse nicht bloß von
seiten des Individuums, sondern an sich nicht sein, wenigstens für die
Ewigkeit nicht sein soll, nicht minder die Thatsache der innern oder
äußern Erfahrung, daß der Mensch von sich selbst nie die Unlauterkeit
seines innersten Willens überwindet. Hier sind wir wieder auf einem
Gebiet, auf welchem die Philosophie in der Regel in „Wirbel" gerät,
aus denen sie sich nimmer herausretten kann." — „Halt, halt!" rief
nun ein anderer, „das ist Stahlt sch! Das klar Realistische ist mir
gerade, übrigens nach allen meinen innern und äußern Erfahrungen, ein
besonderer Vorzug bei Herbart; ich bin durch Möller re. keineswegs über
zeugt!" Wieder war unsere Unterredung resultatlos, weil die Redner oft
dieselben Begriffe mit verschiedenen Vorstellungen, je nach der Grund
stimmung ihres Wesens, verbanden. „Wenn man einander nicht verstehen
will noch kann, so hilft alles Reden nicht" (Hamann), sondern macht
nur das Übel ärger. Je mehr Worte, desto mehr Stoff zu Mißver
ständnissen; Worte ohne Begriffe und Begriffe ohne wirkliche Gegen
stände — einerlei Sprache bei widersprechenden Meinungen
findet mehr als zu oft statt." —
Nochmals also der sonst vernünftige Rat des alten Rationalisten

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