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Lettau,
begann ich zu arbeiten, als mir dieser Gedanke klar und zur Triebkraft
geworden, als ich somit aus den scheinbar weiten und doch so beengenden
Schranken der wissenschaftlichen Pädagogik herausgetreten war. Nun
hätte ich auch das erhebende Bewußtsein, daß ich meine Aufgabe als
deutsch-evangelischer Lehrer fortan gründlicher, erfolgreicher lösen werde,
und es wurde mir eben so sehr Bedürfnis wie Herzensfreude, jeden Tag,
wo möglich jede Stunde Lutherklänge in meiner Schule zu hören
und ertönen zu lassen.
Ich: Ja, das muß ich gestehen, daß ich mit besonderer Freude be
merkte, wie Sie auch Ihrem geographischen Unterricht ein evangelisch-
(lutherisch)es Gepräge zu geben wußten.
B.: Wollen Sie es hören, wer in dieser Beziehung eigentümlich
anregend auf mich eingewirkt hat? Es sind das zwei Männer: Theodor
v. Thrämer und Gustav Baur gewesen. Fast frappierend war mir ein
statistischer Nachweis, den letzterer in seinen „Grundzügen der Er
ziehungslehre" 3. Aufl. S. 343 ff. vorlegt: Die Statistik bezeugt,
daß Blüte und Gedeihen des Schul- und Unterrichtswesens
bis zur Universität hinauf, insbesondere aber der Volks
schule, über das Verbreitungsgebiet der evangelischen Kirche
nicht hinausreicht. Während in Deutschland in den sächsischen Ländern
die Zahl der die Schule wirklich besuchenden Kinder die der schulpflich
tigen sogar übertrifft, sinkt sie in Bayern auf 83 Prozent der letzteren herab,
in Frankreich auf 76, in Belgien auf 66, in Österreich auf 57, in Spanien
auf 45, in Italien auf 32, im Territorium des ehemaligen Kirchen
staates gar auf 16, so daß ihm nur die Türkei mit 10 und Rußland mit
5 Prozent den Ruhm streitig machen, das schlechtest bestellte Schulwesen
in ganz Europa zu haben. Daß aber diese auffallenden Unterschiede
nicht auf dem Gegensatz zwischen dem germanischen und romanischen (oder
slavischen) Volksstamme, sondern in der That auf die konfessionelle Diffe
renz zurückzuführen sind, beweist der Umstand, daß sie unter dem Ein-
(s. Heft 5, S. 282), 4. „zweifelhafter Wahrheitssinn" (s. Heft 4, S. 110), dazu
der Hohn (Heft 11 a 82, S. 323)? Apropos Wahrheitssinn! Warum will es
sich Herr Gl. nicht bedeuten lassen, was doch Heft 1, S. 2 und 3 deutlich genug
erklärt ist, daß die von mir gewählte (Gesprächs-) Form Varianten im Ausdruck,
insbesondere auch die gemilderte Fassung des Resultats, durchaus rechtfertigt?
Hier scheint Herr Gl. in denselben Fehler zu verfallen, den mehrere unserer
Litteraturhistoriker und Kritiker fort und fort machen, indem sie in Persönlich
keiten, die etwa ein Lessing oder Goethe rc. in ihren Dramen auftreten lassen,
Sinn und Charakter dieser Dichter selbst im vollsten Umfange repräsentiert finden.

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