Wissenschaftliche" und „evangelische" Pädagogik.
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fluß der letztem, wie z. B. in Deutschland und noch deutlicher im Kanton
Appenzell, auch da hervortreten, wo die ethnographischen Bedingungen
ganz dieselben sind. Auf diese Thatsache selbst hat neuerdings der Katholik
Laveleye in seiner Schrift: Protestantismus und Katholizismus
in ihrer Beziehung zur Freiheit und Wohlfahrt der Völker
(Nördlingen 1875) mit anerkennenswerter Unparteilichkeit hingewiesen.
(Vergl. auch das Zeugnis des Katholiken Morselli, „daß die protestan
tischen Völker, — wenn auch, wie er nachweist, Selbstmorde unter ihnen
häufiger vorkommen — doch im großen und ganzen viel sittlicher seien,
als die katholischen!) — Der evangelische Glaube hat sich ja vor allem
dadurch zu verantworten, daß er seinen Zusammhang mit dem Schrift
grunde nachweist; die heilige Schrift soll daher Gemeingut des evangelischen
Volkes werden, und so ist damit schon weiter auch ein allgemeiner Volks
unterricht gefordert (daher erklärlich, daß allein aus dem 16. Jahrhundert
Vorbaum in seiner Sammlung 26 Schulordnungen evangelischer Obrig
keiten mitteilen kann, während die römische Kirche sich eigentlich bis heute
mit dem einen Lehr- und Erziehungsplane der Jesuiten behilft!) —
„Hat sich einst die deutsche Art in ihrer besonderen Empfäng
lichkeit für das Evangelium und in ihrer außerordentlichen
Fähigkeit, die evangelische Wahrheit in ihrer Tiefe und Fülle
zu erfassen, als der neue Schlauch für den Most der gött
lichen Predigt beim Zerreißen des griechisch-römischen dar
geboten, und ist der Eintritt der deutschen Stämme in die
Geschichte der Welt ein neuer Anfang für die Geschichte des
Reiches Gottes geworden: so ist offenbar, daß das deutsche
Volk seine Bedeutung in der Völkerfamilie und sein bestes
Leben einbüßen müßte, wollte es aufhören, ein christlich
evangelisches zu sein und seinen Kindern eine echt evan
gelische Erziehung zu geben." Beim aufmerksamen Lesen der klar
und knapp gehaltenen Geschichte der Pädagogik in den „Grund
zügen" von G. Baur ist es mir immer gewisser geworden, daß die
ganze Entwickelungsgeschichte der Pädagogik (und unseres deutschen Volkes,
des Volkes der Pädagogen) die Wahrheit predigt und Anerkennung der
selben fordert: nur die Pädagogik kann eine wahrhaft förderliche sein,
die einen entschieden evangelischen (lutherischen) Charakter trägt. — Nun
wäre die Frage, ob Sie diesen Gedanken acceptieren, und ob Sie ihn
mit Ihrer Neigung zu Herbart vereinigen können, ob somit unsere Unter
redung nicht resultatlos gewesen.

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